Harry Potter oder doch eher Lord Voldemort?

Es ist noch nicht lange her, da nannte mein Therapeut mich das erste Mal „Überlebende“. Bei dem Wort hat es mich gleich durchzuckt und das tut es heute noch. Gleichzeitig geistert es in meinem Kopf herum, sodass ich mir den selbigen etwas zerbrochen habe, um herauszufinden, warum mich dieses eigentlich ja positiv gemeinte Wort, so negativ berührt.

Der erste Grund, der mir hier in den Sinn gekommen ist, liegt irgendwie nah. Sobald meine Person mit dem Wort „Überleben“ in Zusammenhang gebracht wird, erscheint in meinem Kopf gleich ein Film mit Szenen, in denen mein Weiterleben möglicherweise wirklich in Frage stand.

Es ist aber nicht nur das. Ich sehe mich einfach nicht als Person, die sich aktiv für ihr Überleben eingesetzt hat. Vielleicht ist es hier wie bei Harry Potter. Da gibt es den Jungen, der lebt. Der trotz all den schrecklichen Dingen, die er er- und überlebt hat, zu einer mutigen, aufrichtigen und liebevollen Person herangewachsen ist. Und da gibt es Lord Voldemort, der als junger Tom Riddle aus seiner erlebten Ohnmacht heraus nach Macht strebte und am Ende als personifizierter Hass sein Unwesen trieb. Bis der Todesfluch, der eigentlich Harry Potter galt, auf ihn zurückprallte und er sein Dasein als jämmerliches Etwas – nicht lebendig, nicht tot – fortsetzte. Der Grund, warum er nicht sterben konnte, lag darin, dass er seine zersplitterten Seelenteile sozusagen outgesourct hat – und diese ihn so, wenn auch nicht als vollständiges Wesen, am Leben gehalten haben.

Nun, ich glaube nicht, dass ich der wandelnde Hass bin und mein Streben nach Macht hält sich, soweit ich das beurteilen kann, auch arg in Grenzen. Aber was die zersprengten Seelenteile betrifft, bin ich mir nicht so sicher, ob ich nicht mehr zu Lord Voldemort tendiere als zu Harry Potter. Auch wenn ich mich – im Gegensatz zu dem dunklen Zauberer – nicht selbst dafür entschieden habe, meine Seele zu zerlegen, so fühlt es sich doch hin und wieder so an, als wäre genau das mit mir passiert. Und diese Zerrissenheit ist es vielleicht auch, die dazu führt, dass ich mich nicht als Ganzes, als ein Wesen erleben kann. Da gibt es sicherlich Teile, die leben und überleben wollen – aber es gibt auch jene, die eher selbstzerstörerische Tendenzen haben. Nicht sterben können fühlt sich in Bezug auf meine Person deshalb irgendwie treffender an, als überlebt zu haben.

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