Wie geht’s? Schwierig.

Es ist immer das Gleiche. Auf die Frage, wie es mir geht, scheint mein Kopf nur eine Antwort zuzulassen: gut. Ich saß schon mit 40 Grad Fieber, deutlich vergrößerter Milz und stark angeschwollenen Lymphknoten bei der Allgemeinärztin. Und alles, was ich bei der Frage nach meinem Befinden über die Lippen bringen konnte, war: „Eigentlich ganz gut, aber ich glaube, mein Hals ist etwas angeschwollen.“ Die Ärztin hat gestaunt und fand es, glaube ich, auch etwas amüsant. Und so war es schon immer. Ob schwere Nierenbeckenentzündung, Rippenbruch oder halber Zahn abgebrochen – ich immer bei Ärzt*innen: „Eigentlich ist es nicht so schlimm, aber ich dachte, ich lass es einmal prüfen. Eigentlich geht’s mir aber gut.“ Immer.

Würde ich nun wirklich so empfinden, würde es mich vermutlich nicht so nerven. Vielmehr ist es aber so, dass ich innerlich aufschreie und eigentlich nur rufen will: „Mach das weg!“

Das Problem habe ich jetzt auch ein wenig in der Therapie. Immerhin: fragt mein Therapeut mich, wie die Woche so war, sage ich anstatt „gut“ meist „schwierig“. Ein Fortschritt? Vielleicht. Es fühlt sich aber gerade trotzdem einfach nur scheiße an. Anstatt die Punkte, die mich belasten, nur ganz zart zu streifen, würde ich ihm gerne erzählen, dass ich fast nicht mehr schlafe und wenn, dann nur mit richtig ätzenden Filmen im Kopf. Und dass meine Körperempfindung gefühlt stündlich schwankt von: Ich bin komplett taub und könnte in Lava fassen, ohne mit der Wimper zu zucken hin zu: verdammt, alles tut weh.  

Ständig kommen neue Filmszenen dazu, neue Darsteller, neue Settings und ich frage mich, ob ich einfach verrückt werde und dass es doch nicht sein kann, dass mein Kopf all das so gut weggeschlossen hat? Und dann ist da noch dieser Schleier, hinter dem ich im Moment so unglaublich oft verschwinde. Mal ist er fast durchsichtig und ich kann normal an meiner Umwelt teilnehmen, mal isoliert er mich komplett. Ich fühle mich absolut überfordert, weiß nicht, wie ich all das, was da kommt, überhaupt (er)tragen soll und die Träume, in denen ich mir selbst teils beträchtlich schade, sind aktuell die befriedigendsten. (Auch wenn die Enttäuschung nach dem Aufwachen groß ist.)

All das würde ich gerne sagen. Und doch weiß ich, dass ich nächste Woche, bei der nächsten Sitzung, statt all das nur sagen werde: „Gerade ist es wirklich schwierig.“

3 Antworten auf „Wie geht’s? Schwierig.

  1. Liebe Hanni,

    mit dieser Schwierigkeit bist du nicht allein!
    Hast du schon mal drüber nachgedacht, es einfach aufzuschreiben und vorzulesen? Oder deinem Therapeuten zum Lesen zu geben? Auch dein Blogbeitrag hier würde sich ja wunderbar eignen.
    Oft ist das erstmal einfacher.

    Der Schleier, von dem du schreibst, ist ja in gewisser Weise eine Form von Dissoziation. Den baut deine Seele auf, um all das, was hoch kommt, ertragen zu können; er ist eigentlich eine Art Selbstschutz. Und klar, man fühlt sich durch ihn entfremdet und isoliert.

    Ich wünsch dir jedenfalls viel Kraft für deinen weiteren Weg!

    Darf ich dich in der PTBS-Kategorie meiner neuen Unterseite verlinken?: https://psychologik.blog/blogs-von-menschen-mit-psychischer-erkrankung/

    LG,
    Jeca

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    1. Liebe Jeca,

      das mit dem Vorlesen habe ich tatsächlich schon überlegt. Ich hatte auch mal etwas für die Sitzung aufgeschrieben, habe dann aber doch gekniffen. hmpf. Aber vielleicht starte ich beim nächsten Mal einen neuen Versuch.

      Das Thema „Dissoziation“ ist auch noch sehr neu für mich. Bisher habe ich bestimmte Verhaltens- und Empfindungsweisen nicht weiter hinterfragt. Irgendwie verrückt 🙂 Dank Dir für Deine Rückmeldung und deine liebe Nachricht!

      Und Du darfst mich gerne auf deiner Seite/Unterseite verlinken!

      Liebe Grüße,
      Hanni

      Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Hanni,

    toll, freut mich, ich hab dich schon aufgenommen!
    Klar, ich kann es auch gut nachvollziehen, dass man dann doch nochmal kneift, auch wenn man schon was vorbereitet hat. Aber vielleicht hast du ja irgendwann das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist und du kannst dann entscheiden, „einfach“ über deinen Schatten zus pringen und es auszuprobieren! 🙂

    Ich wünsche dir alles Liebe für deinen weiteren Erkenntnisgewinn!

    LG,
    Jeca

    Gefällt 1 Person

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