Spuren

Ich weiß nicht, ob es am Wetter lag oder daran, dass ich diese Nacht tatsächlich ein paar Stunden schlafen konnte, aber ich hatte heute das Gefühl, dass ich raus muss und vor allem auch raus kann. Nun stellte sich mir die Frage: wohin und was tun? Und da kam mir ein Gedanke. Ich wollte schon immer einmal schauen, wie meine Uroma als kleines Kind gelebt hat. Der Ort ist nicht allzu weit von mir entfernt, also habe ich mich heute Morgen spontan auf den Weg gemacht.



Meine Uroma war ein toller Mensch. Sie hat bei uns im Haus gewohnt und war einfach immer da. Nach der Schule bin ich zu ihr gegangen. Sie hat mit mir Kartenhäuser gebaut, gelacht, wenn ich wieder offensichtlich beim Spielen geschummelt habe, mich mit Tütensuppe aus dem Topf gefüttert (so hat sie einfach am besten geschmeckt) und mir viel erzählt – von der Vergangenheit und ihrem Bruder, der im Krieg gefallen ist, ihrer Zeit im Mädcheninternat in Frankreich und von einem Leben, das ich mir damals nur schwer vorstellen konnte. Leider habe ich gefühlt den Großteil vergessen, für viele Themen war ich einfach noch zu jung.

Wie schön wäre es, wenn ich heute noch einmal mit ihr sprechen und sie zu vielen Dingen fragen könnte. Das geht leider nicht mehr. Was aber geht, ist etwas auf ihren Spuren zu wandern. Und so bin ich heute durch dieses klitzekleine, urige Dorf gestrichen. Und es hatte tatsächlich etwas von einer Zeitreise. Alte, kleine Häuser, mit Rissen in der Fassade und wilden Gärten. Mitten durch das Dorf plätschert ein Bach und links und rechts blickt man auf wild bewachsene Felsen und moosbedeckte Bäume.

Eine Frau sprach mich an, ob ich etwas suche. Vermutlich ist es auch wirklich ungewöhnlich, dass in diesem Ort eine unbekannte Person so herumstromert. 😉 Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihr, dass meine Uroma hier aufgewachsen ist. An sich ist es in einem solchen Ort nicht verwunderlich, aber ich war doch sehr überrascht, dass sie meine Oma kannte. Und nicht nur das. Sie berichtete mir von vielen anderen Familienmitgliedern, die mir so gar nichts sagten. Eine von ihnen war Tante Fiene.

Tante Fiene lebte bis vor drei Jahren noch in dem Dorf – in direkter Nachbarschaft zu dem Geburtshaus meiner Oma. Als sie 89 Jahre alt war, brach sie sich bei einem Sturz das Bein und lebt seitdem in einem Altenheim. „Gehen Sie sie doch einfach mal besuchen“, schlug mir die Frau vor. Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich? Sie kennt mich doch gar nicht. Warum sollte sie mich sehen wollen? Aber dann hat irgendetwas anderes in mir übernommen und ich habe mich, ohne groß zu überlegen, aufgemacht.

Im Altenheim angekommen, fand ich dank einer Liste im Eingang schnell heraus, wo Tante Fiene lebt. Vor ihrer Tür stand ich dann unschlüssig eine gefühlte Ewigkeit herum und wusste nicht so recht, was ich nun machen soll. Als ich gerade wieder verschwinden wollte, kam eine Schwester um die Ecke und fragte mich, wen ich suche. Ich erklärte ihr kurz, wie ich dort gelandet war, und sie war sofort total begeistert. Sie versicherte mir, dass Tante Fiene sich freuen würde und dass das doch egal ist, dass sie mich nicht kennt. Nun, ohne noch weiter nachzudenken, habe ich an der Tür geklopft und bin reinmarschiert.

Eine zarte, alte Frau in einem lila-grün gestreiften Ringelpulli blickte mich fragend an. Ihren Kopf hielt sie etwas schräg, ihr Schultern waren hochgezogen. Das erklärte mir auch die Frau im Dorf: Fiene konnte schon seit Jahren nicht mehr aufrecht stehen. Als ich ihr erklärte, dass ich die Urenkelin von Lisa bin, strahlte sie. Ich war so erleichtert, dass sie sofort wusste, woher ich komme und wer ich war.

Sie wollte alles wissen: Wieso ich da war, was ich in ihrem Heimatort gemacht habe, wo ich überall war, wen ich gesehen habe und vor allem: Ob der alte Bauernhof immer noch so runtergekommen ist (anscheinend ein großes Streitthema im Dorf ;-). Hier haben sich meine Bilder tatsächlich mal ausgezahlt. Ich konnte ihr alles zeigen und sie konnte mir noch viel mehr erzählen. Drei Stunden war ich bei ihr, dann war Essenszeit. Wir umarmten uns zur Verabschiedung und ich versprach ihr, bald wieder zu kommen. So schnell gewinnt man also ein Familienmitglied dazu. 🙂

6 Antworten auf „Spuren

  1. Das ist echt eine tolle Geschichte. Vielen Dank, dass du uns daran teilhaben lässt. Die Gegend sieht aber auch urig aus!

    Schade, dass ich nicht weiß, wie ich den Blogbeitrag rebloggen könnte. 😦 Zumal ich auch gar nicht wüsste, ob dir das überhaupt recht wäre 😉

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    1. Vielen Dank! 🙂 Ja, vor Ort war es sogar noch viel uriger. Das konnte ich nur ein klein wenig einfangen. Gerne kannst Du den Beitrag rebloggen. 🙂 Ich habe da, ehrlich gesagt, auch nicht so viel Erfahrung. Ich sehe nur immer unter den Blogbeiträgen den Button „rebloggen“ – weiß aber nicht, ob das alle so sehen und was genau passiert, wenn man da drauf drückt. 😀

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  2. Ich bin sehr berührt und ein bisschen sprachlos nach dem Lesen Deines Eintrages. So eine Spurensuche kommt sonst immer nur in Filmen oder Romanen vor. Und Du hast das selbst erlebt, hast es selbst in die Hand genommen und Dich gleich mehrmals „getraut“.

    Und bist belohnt worden und hast einem anderen Menschen ganz offensichtlich auch ein Geschenk gemacht.

    Ich finde es sehr erwähnens- und merkenswert, dass das Leben heutzutage auch noch solche Geschichten schreibt.

    Danke für das Teilen Deines Erlebens.

    Freundliche und liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für Deine liebe Nachricht. Ja, da hat mir wirklich der Zufall und vielleicht auch die Tatsache, dass es sich um ein sehr kleines Dorf handelte, in die Karten gespielt. 🙂 Aber heute fühlt es sich tatsächlich an wie ein Traum oder eben ein Film, den ich geschaut, aber nicht selbst erlebt habe…verrückt. Immerhin, die Geschichte bleibt. 🙂
      Viele liebe Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

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