Wie trägt man jemanden, wenn man sich selbst kaum (er-)trägt – Part II

Vor einiger Zeit habe ich zu diesem Thema schon einmal etwas geschrieben. Damals ging es um meine Mutter. Und ich muss gestehen, dass das mit der Abgrenzung zu ihren Problemen nicht wirklich gut funktioniert hat bisher. Meine Energie schwindet und schwindet und ich merke, dass sich langsam wieder eine Lähmung einstellt.

Und wie das so ist – misery loves company halt – hat mein Vater nun auch wieder größere Probleme. Bei ihm äußert sich das allerdings extremer als bei meiner Mutter. Sie weint viel, ist verzweifelt, entwickelt „Wahnvorstellungen“ und handelt entsprechend. Mein Vater kommt gleich mit Suizidandrohungen um die Ecke. Und in mir gehen alle Alarmanlagen an und ich kann sie nicht ausstellen. Aushalten, besänftigen, trösten, Lösungswege finden, aufmuntern und einfach da sein, ist dann die Devise. Und dabei fühlt es sich an, als würde ich selbst langsam verschwinden.

Durch meine Therapie hat sich dazu ein weiteres Problem ergeben, das ich bisher immer gut weggeschoben habe. Ich habe nicht eine Mutter und einen Vater, sondern mindestens zwei von ihnen. Ich habe einmal Eltern, die fürsorglich, lieb und freundlich sind und dann habe ich Eltern, die heute noch verletzende Dinge sagen und früher auch oft zu körperlichen Mitteln gegriffen haben, um zu Strafen. Es gab eiskalten Duschen, wenn ich nicht gegessen habe, Schläge mit Kleiderbügeln und anderen Gegenständen, Tritte und Stöße. Nicht selten hat das sichtbare Folgen hinterlassen. Einmal war meine Rippe etwa angebrochen.

Ich will mich gar nicht in der Vergangenheit suhlen. Wenn ich darüber nachdenke, empfinde ich nichts. Keine Wut, keinen Schmerz, keine Traurigkeit – nichts. Das einzige, was ich empfinde, ist Verwirrung. Wie kann das sein, dass eine Person so unterschiedliche Seiten zeigt. Und kann es diese beiden Seiten geben? Also kann mich eine Person lieben und gleichzeitig so etwas machen?

Und wie kann das sein, dass ich einerseits schon so früh zu spüren bekommen habe, dass ich die Kleine, die Schwache bin und gleichzeitig immer das Gefühl hatte, ich trage die Verantwortung, ich muss meine Eltern beschützen und für sie da sein, weil sie es sonst nicht schaffen? Das widerspricht sich doch, oder?

Und dann ist da jetzt dieser Moment. Ich schleppe mich gerade von Tag zu Tag, krieg mein Leben selbst kaum gebacken und fühle mich verantwortlich für zwei Menschen, die so viel älter sind als ich und die so oft ihre Macht über mich demonstriert haben. Ich bekomme das gerade nicht schlüssig in meinem Kopf unter – ich weiß nicht, wie ich zu all dem stehen, was ich denken oder fühlen soll. Aber gut, das ist ja auch nicht wirklich was Neues. 😉

8 Antworten auf „Wie trägt man jemanden, wenn man sich selbst kaum (er-)trägt – Part II

  1. Wow wow wow, ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll 😮 Du beschreibst da gerade EXAKT mein Leben und meine jetztige Situation! Meine Eltern sind genau so (in der Kindheit schläge – auf’s übelste von meinem Vater! – dann auf einmal so fürsorglich und zuvorkommend – UND JETZT genau DAS: meine Mutter weint abends und „spielt“ immer extra so die verletzte um die man sich kümmern muss („ich hab rückenschmerzen“ ist bei ihr die devise) – laange laange habe ich mich davon beeindrucken lassen und hab mich um sie gekümmert und gemacht, was sie will (Schule vernünftig, Abwasch etc.) Mittlerweile glaube ich, dass es eine art Manipulation ist(bewusst oder unbewusst spielt bei mir keine Rolle), damit konnte sie mich ja auch perfekt kontrollieren. Wenn ich etwas gemacht habe, was ihr nicht passte kam gleich sowas wie „mein Gott ihr bereitet mir so Schmerzen. Waahhh- ich hab so Rückenschmerzen“. Das ist das eine.
    Mein Vater kommt (komischerweise) auch mit diesem Suizidkram – (ich hab selber schon 1. Versuch) und wenn ich dann versuche mit ihm zu reden, zieht er es ins lächerliche so: „ja ich komm dann in die Hölle wenn ich sterbe“.
    Ich wohne noch bei meinen Eltern, deswegen bekomme ich das alles ja immer mit.
    Ich denke, wenn ich so wäre wie früher, hätte mich das mittlerweile zerstört, aber auch ich lerne. Und weißt du wie ich heute damit umgehe? – „ICH WOHNE IN EINER WG“ – nein, ich wohne tatsächlich NICHT in einer Wg, aber ich sehe meine Familie als das an – als einfach nur Menschen mit denen ich zusammen wohne – mehr nicht.
    Man sagt, es gibt 3 Arten, wie man zu einem Menschen stehen kann, die 1. ist: Man liebt ihn. die 2. Man hasst ihn und das schlimmste: 3. Er/sie ist einem GLEICHGÜLTIG. und genau das wende ich (unbewusst) an. Ich komme damit nicht wirklich zurecht, dass mein Vater mich jahrelang geschlagen hat und meine Mutter das zugelassen hat – UND JETZT SOLL ICH AUCH NOCH MITLEID MIT IHNEN HABEN? – Nein danke! Es ist eine traurige Entscheidung, aber die einzige, die mein Überleben sichert. Ich würde sonst daran kaputt gehen, weil ich es aus kindheitstagen immer gelernt habe: Du bist schuld an der Situation deiner Eltern.
    ABER NEIN das bin ich nicht! Das bist du nicht! Das ist niemand! Wir sind wir. und unsere Eltern sind Eltern – genau das! Erwachsene Menschen, die Kinder wollten, um sich um sie zu kümmern, nicht damit sich die Kinder um ihr „Leiden“ kümmern!
    (tut mir leid das es so viel geworden ist :O )
    ~trotzdem liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank für Deine Nachricht! Ich weiß gar nicht, ob ich mich „freuen“ soll, dass ich nicht alleine mit so einer Geschichte bin oder es traurig finden soll, dass es das anscheinend so häufig gibt. Es hilft aber zu lesen, wie du damit umgehst und dass du einen Weg gefunden hast. Da kannst du auch selbst stolz auf dich sein! Für mich fühlt es sich noch so unglaublich fern an. Ich glaube, wenn man es auf diese drei Arten runterbrechen will, wie man zu einem Menschen stehen kann, bin ich schon an Punkt 1 – ich liebe sie tatsächlich. Aber ich weiß nicht, was ich mit all den Erinnerungen an die physische und psychische Gewalt anfangen soll. Es gibt Momente, da bin ich verletzt – und dann gibt es Momente, da spüre ich nichts, wenn ich daran denke. Aber es beeinflußt nicht, dass ich sie halt liebe. Was es aber beeinflußt, ist, dass es sich für mich wie verkehrte Welt anfühlt, dass ich eine so große Verantwortung für sie, ihr Leben und Glück empfinde. Ich würde das gerne ablegen, so wie du. Genauso die Schuld. Mein Vater sagt, wenn er nicht gewesen wäre, hätte meine Mutter abgetrieben und umgekehrt, meine Mutter sagt, dass mein Vater mich nicht wollte. Und zusammengeblieben bis ich alt genug war, sind sie auch nur wegen mir. Na ja, lange Rede, kurzer Sinn – ich weiß nicht, wie ich dieses Verantwortungsgefühl loswerden soll. (Und ich weiß, dass ich es loswerden sollte – schnell, weil ich es tatsächlich nicht mehr mittragen kann.) Wie hast Du dich von deinen Eltern loslösen können? Und wie du siehst, ich hab kein Problem mit viel Text. 😀
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Tatsächlich konnte ich mich nur durch genug (negative) Erfahrung loslösen. Ich bin halt sehr selbstreflektiert und habe mich immer gefragt, warum es mir in Zusammenhang mit meinen Eltern so schlecht geht. Dieses ständige hin und her macht einen auch wirklich krank (gute Laune / schlechte Laune). Ich glaube richtig Begriffen habe ich es erst, als ich fast 1 Jahr in der Klinik war (vor allem, weil ich dort mit vielen verschiedenen Leuten reden konnte) und mit meiner Therapeutin wurde das Thema Abgrenzung auch bis zum Umfallen diskutiert.
        Ich denke aber das sich diese Gleichgültigkeit letztlich ganz Automatisch eingestellt hat :/

        Du musst aber auch bedenken, dass jeder Mensch seinen Eltern gebenüber ein Grundvertrauen (=Ur-Liebe) hat! Je nachdem kann es halt bei dir z.b. stärker ausgeprägt sein…
        ~lg Ceyes.

        Gefällt 1 Person

    1. Was den räumlichen Abstand betrifft, so habe ich den jetzt schon seit über zehn Jahren. Das schlechte Gewissen und der Drang, alles im Griff zu haben und zu wissen, dass beide noch leben und es ihnen gut geht, ist leider immer noch genauso stark. ich merke aber auch, dass ich, wenn ich das reflektiere, schnell auch wieder ausweiche. Aber na ja, ich bin erst ein paar Monate in Therapie – vielleicht bewegt sich ja noch was. Auch wenn es irgendwie traurig ist, aber es liest sich so, als wäre für dich die Gleichgültigkeit sicherer und besser – das macht mir auch etwas Mut, dass Therapie und das bewusste Hingucken vielleicht doch etwas bewirken kann.

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