Der Begriff „Kinderpornografie“

Der Fall „Lügde“ spült in meine Twitter-Timeline seit geraumer Zeit vermehrt den Begriff „Kinderpornografie“. Und weil ich hier, wie schon seit langem, immer wieder ins Stolpern komme, versuche ich mal meine Gedanken bezüglich dieser Begriffsverwendung zu ordnen.

Photo by Agence Olloweb on Unsplas

Pornografie ist ein schwammiger Begriff, der irgendwie changiert zwischen dem Verbotenen und Heimlichen, dem Allzumenschlichem, der Begierde, dem Voyeurismus und vielleicht auch einer gewissen Sehnsucht. Pornografie fängt da an, wo die Erotik aufhört. Ihr Konsum ist heute noch in weiten Teilen tabuisiert. Das Wort „Pornografie“ setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern „porne“, was „Hure“ bedeutet, und „grafie“, also dem „Schreiben“. In der Pornografie werden also der Wortbedeutung nach Huren beschrieben. Auch kein besonderer Pluspunkt, wenn es um die öffentliche Anerkennung geht.

Allerdings haben sich die Grenzen des „guten Geschmacks“ gefühlt in den letzten Jahrzehnten verschoben. Wenn ich ältere Filme und Serien mit neueren vergleiche, fällt mir schon auf, dass Sexszenen in vielen jüngeren Erscheinungen doch schon sehr viel expliziter geworden sind. Manchmal werden heute sogar Pornodarsteller*innen extra für solche Szenen engagiert. In Musikvideos, auf Youtube und Instagram lässt sich auch beobachten, dass die Menschen zumindest in Teilen mit diesen Tabus spielen und sich so ein wenig aus dem Bereich der Pornografie bedienen. Das will ich an dieser Stelle auch gar nicht weiter bewerten. Wichtig ist mir nur dass legale Pornografie ein Teil der Gesellschaft ist. Sie ist etwas, mit dem man Spielen und Grenzen austesten kann. (Ich lasse hier jetzt mal außer Acht, dass in Pornografie oft ein gefährliches Rollenverständnis vermittelt und die Grenze zur Gewaltlegitimierung überschritten wird. Aber das führt, glaube ich, vom Thema weg.)

Wie kann also dieser Begriff auf Handlungen angewendet werden, in denen Kindern etwa vor laufender Kamera Gewalt angetan wird. Das beschreibt doch zwei komplett unterschiedliche Welten. Und für mich fällt bei dem Wort „Kinderpornografie“ der Gewaltaspekt und die Tatsache, dass es sich bei einer solchen „pornografischen“ Darstellung nicht um zwei oder grundsätzlich gleichstarke Akteure handelt, in dieser Bezeichnung total weg. (Das gilt für mich auch dann, wenn Erwachsenen Gewalt angetan wird. Hierfür wurde nur bisher kein ähnlicher Begriff erfunden.) Ich finde, hier ist es etwas so, wie bei dem Begriff „Pädophilie“. (Das griechische Wort „philie“ bedeutet „Liebe“ oder „Zuneigung“) Mal abgesehen davon, dass viele der Gewalttäter keine Pädophilen, sondern schlicht Gewalttäter sind, ist der Begriff in diesem Kontext ein Euphemismus. Ähnlich problematisch ist auch die Bezeichnung „Missbrauch“, da es einen „guten“ Gebrauch von Menschen impliziert.

Vielleicht verrenne ich mich hier total und vielleicht ist es auch wieder nur meine „Betroffenenbrille“, die mir hier den Blick vernebelt. Aber ich war Teil solcher in Bild und Ton konservierter Gewaltakte und ich habe mich zu keiner Zeit als eine Erotikdarstellerin oder überhaupt nur als eine Darstellerin empfunden. Und irgendwie fühlt es sich so an, als müsste zwischen dem zwar verruchten, aber dennoch erlaubten Vergnügen, und der Gewalttat auch sprachlich eine deutlichere Linie gezogen werden.

9 Antworten auf „Der Begriff „Kinderpornografie“

  1. Unsere Welt verändert sich und das leider, aus meiner Sicht, nicht zum Guten..vor allem seit das Wort „Opfer“ ein Schimpfwort geworden ist. Ich finde es mehr als toll, dass du dieses Thema Verharmlosen und Bagatellisieren von Gewalt aufgreifst und das dies schon bei der Verwendung von Begriffen anfängt.

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    1. Gleiches gilt auch für „behindert“, „Spasti“ und selbst „Mädchen“ wird oft unter Männern als Beleidigung genutzt. :/ Sprache schafft halt Realität, deswegen bin ich da auch im Alltag etwas empfindlich. Aber gerade, wo ich über deinen Kommentar nachdenke, fallen mir immer mehr Beispiele ein, wo Sexualität und Gewalt miteinander verwoben werden. Mir wird zum Beispiel echt schlecht, wenn es wieder heißt, dass ein „Sexmonster“ oder „Sextäter“ zugeschlagen hat. Oder ich stolper auch oft über den Ausdruck „FCK AFD“. Also ja, die AFD ist scheiße – aber auch hier hat man mit „Fuck“ etwas Sexualisiertes. Und im Deutschen ist das ja jetzt auch eine gängige Redewendung geworden. Dann halt mit der deutschen Variante. Das sind keine bahnbrechend neuen Gedanken – gerade deshalb wunder ich mich irgendwie, dass so viele Medien das weiterhin so unhinterfragt verbreiten.

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      1. Ja, da verändert sich leider die Sprache 😞 Auch wenn es in der Zeitung wieder heißt, der „Attentäter war psychisch krank“, ohne weiter zu differenzieren, macht mir das persönlich Angst…Angst vor den Vorurteilen alle Menschen mit psychischen Erkrankungen sind gefährlich und müssen weg gesperrt werden…da ist wohl noch viel Aufklärung nötig. 🙄🙄🙄
        Irgendwie ist „Mitfühlen“ aus der „Mode“ gekommen ..😞😞

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  2. Ich wünschte es würden sich mehr Menschen mit der (eigentlichen) Bedeutung von Worten auseinandersetzen. (Und dann auch gleich noch damit, was Worte anrichten können.) Aber es muss ja immer reißerischer in dieser immer stumpfer werdenden Welt werden. Immernoch einen drauf setzen. Höher, schneller, primitiver. 😟

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    1. Ja, ich stoße mich ständig an solchen Formulierungen oder auch zum Beispiel an der manchmal derben Alltagssprache in meiner Familie. Das ist krass, wie verletztend und gewaltvoll alleine Sprache sein kann. Wenn ich es aber anspreche, bin ich meist die Empfindliche oder wahlweise die Überhebliche. (was vermutlich auch irgendwie stimmt.:-/) Aber es freut mich, dass ich mit meiner Idee nicht ganz alleine dastehe. 🙂

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