Ablenken…

…Immer schön ablenken. Musik, duschen, Internet, mich übergeben und dann wieder duschen – und jetzt dann auch schreiben. Ich bin gerade in – ja, wo bin ich eigentlich? Zuhause passt nicht. Elternhaus auch irgendwie nicht. Also ich bin gerade in dem Haus, in dem ich mehrere Jahre meiner Jugend verbracht habe und wo mein Vater samt neuer Frau lebt. Umständlich, aber so viel Genauigkeit muss sein.

Foto: Christopher Campbell (Unsplash)

An sich ist das erstmal auch okay. Ich verstehe mich mit beiden mittlerweile ganz gut. Gerade kann ich vieles ausblenden, was eigentlich zwischen uns stehen könnte. Ich habe hier auch noch meinen eigenen Rückzugsbereich und kann im Grunde machen, was ich will. Wären da nicht diese unzähligen Erinnerungen.

Ich gehe in mein Zimmer, schließe die Tür, die nicht mehr richtig zu schließen ist und schon bin ich wieder 16. Ich will nicht zur Schule, fühle mich elend – nicht körperlich, aber nur das ist, was zählt. Deshalb glaubt mein Vater mir auch nicht. Wir streiten uns. Ich soll mich anziehen, in mir wächst die Verzweiflung. Wenn ich jetzt zur Schule gehen muss, sterbe ich. Ich weigere mich. Er wird immer wütender. Eine Ohrfeige, ich falle hin – höre mich sagen „du kannst mich mal“ – und dann ein Tritt.

Okay, Cut. Lieber wieder duschen oder kotzen oder beides.

Gleich muss ich raus. Die Hündin muss sich die Beinchen vertreten. Also los, durch dieses kleine, verlogene Drecksdorf. Gleich nebenan wohnt ein Bauer. Er: über 80, schläft mit seinem Bruder in einem Zimmer, fährt tagein tagaus betrunken mit dem Trecker durch die kaputten Straßen – eine Witzfigur für das ganze Dorf. Gut für ihn. So kann er Mädchen in aller Öffentlichkeit anfassen und niemand nimmt es ernst. „Haha, ja, so ist er halt, der A.“ Das erste Mal Bekanntschaft habe ich mit A. beim Schützenfest gemacht. Wir waren gerade zugezogen, ich wollte dazugehören und habe überraschend schnell Anschluss zu den Dorfmädchen gefunden. In der Halle stehen wir bei unseren Eltern. Dann kommt A. „Na, wer bist du denn?“ Dann umarmt er mich und fasst mir mit beiden Händen in die Jeans unter die Unterhose. Drumherum stehen alle Eltern – inklusive meiner. Niemand sagt was. Alle schmunzeln. Ja, so ist er halt, der A.

Und wieder kotzen.

Und dann ist da J. J ist um die 50. Hat eine Tochter und eine Exfrau, die vor ihm geflohen ist, weil er sie erst geschlagen und dann gestalked hat. Als ich damals noch dort wohnte, fand J. mich, glaube ich, gut. Obwohl er deutlich älter war. Und obwohl das gerade in diesem Alter, mit 14, 15 und 16, zum Tragen kommt. Er war, so verhielt er sich zumindest, mein „Aufpasser“. Als ich betrunken war, sollte ich meine Hände in seinen Hosentaschen wärmen. Ein anderes Mal wollte er mich nach Hause bringen. Ich wollte nicht, bin ihm aus dem Weg gegangen. Einmal, in den Sommerferien, waren meine Eltern für zwei Wochen im Urlaub. Ich war 14 und mein Bruder, der schon woanders lebte, sollte auf mich aufpassen. Eines Morgens, ich habe geschlafen, ist er in unser Haus gekommen. Dort ist er auf meinen Bruder gestoßen – er wusste nicht, dass er da war. Seine Erklärung: Er wollte nach dem Rechten sehen. Ein paar Jahre später und einen Monat, bevor ich mein eigenes Leben in einer anderen Stadt anfangen konnte und wollte, lag ich im Dreck. Mehr oder weniger unbekleidet. Blutig, dreckig, grün und blau – wie Müll. Ich glaube, das war J.

Und jetzt weiß ich auch nicht mehr.

15 Antworten auf „Ablenken…

    1. Gut ist es sicher nicht. Die Abstände, in denen ich herkomme, werden auch immer größer. Aber mein Vater brauchte Hilfe und ich hatte eh schon ein total schlechtes Gewissen, dass ich so lange nicht mehr dort war. Und irgendwie hoffe ich auch, dass es irgendwann ein neutraler Ort für mich wird. Gerade ist es aber nur überfordernd.

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      1. Oha, ja, da isses, das schlechte Gewissen, das kennen wir auch, schlechtes Gewissen, wenn wir Dinge nicht mehr tun, die man doch tun sollte, dass schlechte Gewissen wird groß und dann tun wir irgendwann doch Dinge, die wir entschieden hatten nicht mehr zu tun, weil sie uns nicht gut tun, bzw schaden… – so ungefähr?

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      2. Ja das trifft es schon sehr genau..Und das doofe, ich weiß es ja eigentlich auch. Dass es wichtig wäre, Abstand zu bekommen und nicht hinzufahren und ich mache es trotzdem. Als hätte ich keine Wahl..

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  1. Ich danke Dir, dass Du mich über meine Seite auf Deinen Blog hast aufmerksam werden lassen.
    Wie sehr kenne ich dieses „Duschen, Kotzen, Essen, wieder Kotzen…“ – aus anderen Gründen. Aber zählt das unter’m Strich? Es ist die Seele, die kotzt. Da ist der „Grund“ doch egal…
    Und auch ich habe eine Hündin. Mein einziger Lebensinhalt mittlerweile… Hunde sind toll. Sie sind echt und können einfach nur lieben.
    Es ist skurril bei Beiträgen wie diesem „gefällt mir“ zu klicken. Für mich fühlt es sich komisch an. Aber es ist der einzige Weg um Dir zu zeigen, dass es gut ist, das Schweigen zu brechen. Die schonungslose Wahrheit zu schildern. Obwohl es so schrecklich sein muss.
    Pass auf Dich auf, liebe Hanni. Du bist sehr mutig.

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    1. Vielen Dank für Deine lieben Worte. Ich kann gerade gar nicht beschreiben, wie sehr sie berühren. Danke! Und ich kenne das mit den „gefällt mir“-Häckchen,weiß aber (oder vielleicht gerade deshalb) wie es gemeint ist. 🙂 Es ist irgendwie traurig, dass es tröstet, dass es andere gibt, die ähnlich empfinden – aber es tut halt gleichzeitig gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist. Daher hilft es mir auch, anderen Blogs zu folgen und zu sehen, wie sie ihr Empfinden in Worte fassen. Bei deinem Blog war das auch der Fall. Grüß mir Deine Hündin. (und ja, Hunde sind unglaublich toll. Hätte ich nicht Angst um meine Anonymität würde ich hier wohl jeden Tag Bilder und Videos hochladen.:-)) Viele liebe Grüße, Hanni.

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