Sprachblockade

Ich bin zumindest meinem Personalausweis nach schon ein paar Jährchen volljährig und ich führe zumindest teilweise ein erwachsenes Leben. Da sollte man doch meinen, dass die Sache mit der Sprache kein großes Ding mehr sein sollte. Und doch, wenn es um bestimmte Begriffe geht, fühle ich mich wie ein Kleinkind, das erst noch lernen muss.

Photo by Daniella k on Unsplash

Wenn ich zum Beispiel in der Therapie sagen „soll“, was mir „passiert“ ist, beginnt der Eiertanz. Ich finde viele Wörter, für eine Sache, die sich eigentlich mit einem Wort auf den Punkt bringen lässt. In der letzten Sitzung habe ich wieder versucht, es auszusprechen. Vergebens. Alles wird stumm, der Vorhang zieht sich zu und ich verabschiede mich wieder aus der Situation. Dabei kann es doch nicht so schwierig sein. Es ist doch nur ein verdammtes Wort.

Und was denkt mein Therapeut? Da sitzt ein erwachsener Mensch, der es nicht mal gebacken bekommt, ein blödes Wort auszusprechen. Lächerlich. Ich weiß aber einfach nicht, wie ich es ändern soll. Ich kann es jetzt nicht mal hier schreiben. Und es regt mich auf. Es ist nur ein Wort und ich schaff es nicht. Wie soll ich dann den ganzen anderen Kram schaffen?

15 Antworten auf „Sprachblockade

  1. Geht mir ganz genauso. Bestimmte Worte sind vermintes Gelände, darüber ist nicht zu sprechen. Selbst wenn die Worte in meinem Kopf sind, kann ich sie nicht aussprechen. Schreiben geht meistens auch nicht. Dieses Verstummen kenne ich sehr sehr gut. Und denke dann auch immer: Meine Güte, das sind doch nur Worte. Aber es geht nicht. Ich bekomme nichts davon über die Lippen.
    Alles Liebe! Sei nicht so hart mit dir. Diese Dinge nicht aussprechen zu können, hat nichts mit Erwachsensein oder nicht zu tun. Es geht darum, womit diese Worte aufgeladen sind und was sie im Inneren für Gefühle wachrufen.

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  2. Ja, theoretisch sind es nur Worte, doch bei dir (und auch bei mir) liegt hinter diesen Worten noch so viel mehr und das hat mit „erwachsen sein“ nichts zu tun. Vielleicht schaffst du es, dich da nicht so unter Druck zu setzen… ist ja schließlich nur ein Wort, doch du hast noch sooo viele andere Wörter, die du stattdessen verwenden kannst 😉
    Das Ist für mich erwachsen: Alternativen nutzen können

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  3. Dein Therapeut wird ganz sicher nichts negatives darüber denken, sondern eher, dass du es mit der Zeit schon schaffen wird und er dir diese Zeit geben wird. Sonst würde ich mich fragen, was für ein Therapeut das sein soll 😉
    Sprache, insbesondere emotional besetzte Wörter kommen niemanden einfach für die Lippen. Gerade wenn sie mit Ereignissen und Gefühlen verknüpft sind. Setz dich selber nicht so unter Druck und gib dir selbst Zeit. 🙂

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    1. Danke für Deinen Kommentar! Ich versuche, bei der nächsten Sitzung an all die lieben und hilfreichen Worte zu denken. Ich fürchte aber, es dauert noch eine ganze Weile, bis das wirklich ankommt. Aber: Steter Tropfen höhlt den Stein, oder so. 🙂

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  4. Es braucht manchmal unenendlich lange, etwas aussprechen zu können. Zumal in einer Therapie, wo man den Eindruck hat, dass das erwartet wird. Ich wäre seinerzeit um Haaresbreite aus der Klinik geflogen, weil angeblich „niemanden an mich ran ließ“, mich „nicht genügend öffnete“. Dabei war es ganz einfach so, dass ich NICHT REDEN KONNTE. (Ich kam in der Klinik mit manchen Ansätzen und Therapeuten nicht sonderlich klar, war da aber durchaus nicht der Einzige – später in meiner weiteren ambulanten Therapüiezeit wurde das besser …)

    Ich ahne die Gründe, weshalb Dir das mit jenem Wort auch so geht. Und ich verstehe Dich! – Wenn Du einen guten Therapeuten hast, wird er Dich auch verstehen, wird auch ahnen. Und Dir (hoffentlich) Zeit lassen. Denn die braucht es, die brauchst Du.

    Viele ganz liebe und Dir ein bisschen Zuversicht und zumindest virtuelle Unterstützung sein wollende Grüße!

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    1. Vielen lieben Dank für Deine Nachricht! Es tut gut zu sehen/lesen, dass ich keine seltsame Außerirdische bin, die so „banale“ Dinge nicht hinbekommt und dass ich verstanden werde. Und wie gut, dass Du zumindest in der ambulanten Therapiezeit besser damit umgehen konntest. War das bei Dir so, dass Du einfach irgendwann reden konntest oder war es eher so, dass Du dich da Stück für Stück durchkämpfen musstest? (Nur falls Du es schreiben magst – verstehe auch sehr gut, wenn nicht.) Vielen Dank für Deine Grüße und die Unterstützung! Ist beides angekommen und hilft 🙂 liebe Grüße!

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      1. Ich musste mich schon sehr durchkämpfen.

        Mir hat freilich geholfen, dass ich mit dem Therapeuten, den ich nach meinem Klinikaufenthalt hatte, und der mich dann über mehr als zwei Jahre begleitet hat, menschlich gut klargekommen bin. Ich konnte ihm nach und nach mehr erzählen. (ALLES weiß aber selbst er nicht, das habe ich in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht geschafft – ich weiß allerdings in Bezug auf diese Dinge auch nicht, ob ich es jemals könnte).

        *

        Ach Du … – Du bist so gar keine „Außerirdische“ – und wenn, dann kann ich Dir ganz sicheren Herzens sagen, dass es einen ganzen Club ähnlicher Aliens gibt. Einer schreibt Dir hier gerade … 😉

        Liebe Freitagsgrüße an Dich!

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      2. Also wenn das so ist, ist es wohl auch gar nicht so schlimm ein Alien zu sein. 🙂 Vielen Dank für Deine Antwort. Es ist toll, dass Du es geschafft hast, Dich da durchzukämpfen! Da kannst Du sehr stolz auf Dich sein.
        Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!

        Viele liebe Grüße!

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  5. Liebe Hanni,
    Du bist nicht allein, das haben Dir schon viele hier in den Kommentaren bestätigt. Auch ich „eier“ um ganz viele Themen rum, erwähne erstmal die, die auch nicht schön sind und habe lange Zeit die Ärzte und Therapeuten damit an „der Nase“ herumgeführt, weil sie dann erstmal abgelenkt waren und ich Zeit gewonnen hatte.
    Wenn Dein Therapeut gut ist, dann wird er um Deine Sprachblockade wissen und in keinem Fall wird er Dich als „unfähig“ ansehen.
    Mir hat es in einer Therapie mal geholfen, etwas aufzuschreiben, was ich nicht aussprechen konnte. Es war ein einziger Satz, der mir nicht über die Lippen kam (neben vielen anderen!!), aber ich brachte ihn zu einer Therapiestunde in großen Lettern auf einem DinA4-Blatt mit. Dieses Blatt Papier lag dann erstmal vor mir und der Therapeutin. Sie akzeptierte dies als „Übergangslösung“. Es folgten weitere Blätter, die alle an einer Wand aufgehängt wurden und so ein Stück meiner Geschichte zusammen trugen. Ich hatte es nicht aussprechen müssen, aber ICH habe es aufgeschrieben und es glotzte mich blöd von der Flipchart an, bis ich irgendwann soweit war, einen Teil davon vorzulesen. Die Therapeutin lies mir alle Zeit der Welt. Das war viel wert damals.
    Und – Du wirst alles schaffen, egal, ob Du es aussprichst oder nicht. Du bist stark! Stärker als Du denkst, denn Du bist noch da, Du teilst Deine Geschichte, Du kämpfst und Du überlebst! Ja, es gibt tiefe Täler und ich weiß um die Dunkelheit in diesen Tälern und der Sehnsucht darin zu versinken, sich einfach fallen zu lassen, endlich Ruhe zu haben, aber Du kämpfst dagegen an. Und das zählt.
    Ich schicke Dir von Herzen ganz viel Kraft!! Du kannst das! In Deinem Tempo und Deinem Rhythmus! Gib nicht auf!
    Alles Liebe,
    Missy

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    1. Wow, vielen, vielen Dank für Deine Worte und Deine Erfahrungen. Bin mal wieder etwas baff und sprachlos. Total gut, dass Du das in der Therapie geschafft hast! Das muss viel Kraft, Energie und Mut gekostet haben. Mein Therapeut ist auch so wie Deine Therapeutin, glaube ich – er lässt mir Zeit und setzt mich nicht unter Druck. (Das schaffe ich schon selbst am besten.:-) ) Aufschreiben habe ich tatsächlich auch schon überlegt – aber leider ist es da auch dasselbe. Aber vermutlich hast Du (bzw. habt ihr, die hier alle so tolle Kommentare hinterlassen) Recht und ich muss es langsam angehen lassen. Für den Moment akzeptiere ich das – was auch ganz stark an den Reaktionen hier liegt. Ich hoffe, es hält dieses Mal etwas an. 🙂 Nochmal vielen lieben Dank für Deine Nachricht. Das macht wirklich Mut. ♡ Dir auch alles Liebe!

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