Sei bitte nicht zu nett

Eigentlich ist mein Energielevel aktuell im tiefsten Minusbereich. Alles ist schwer: schreiben, rausgehen, einfach alles, was atmen übersteigt. Aber ich dachte, vielleicht hilft es, einen der weniger belastenden Gedanken loszuwerden, damit mich zumindest das erstmal nicht mehr nervt.

Photo by Sandrachile . on Unsplash

Der Titel funktioniert in zwei Richtungen. Einmal soll er mir gelten. Egal, wie ätzend Leute zu mir sind. Ich bin nett. Habe Verständnis, mache die Faust in der Tasche und setze sie dann im Zweifel lieber gegen mich ein. Darum geht’s mir heute aber nicht.

Auch wenn ich denke, dass unsere Gesellschaft generell etwas mehr Freundlichkeit und Zugewandtheit vertragen könnte, habe ich tatsächlich ein Problem, wenn Menschen zu mir einfach so nett sind. Letztens hat mich bei der Arbeit jemand auf einen Fehler hingewiesen, von dem er sogar profitiert hätte. Ich war so unfassbar dankbar – ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Blumen, Schokoloade, Heiligenschrein? Ich dachte, ich könnte diesem Menschen nie ansatzweise mitteilen, wie dankbar ich bin, und ich könnte das, was er für mich getan hat, niemals ausgleichen. Prompt habe ich mich geschämt und gehe ihm nun aus dem Weg. Obwohl ich rational weiß, dass das, was er getan hat, nichts Weltbewegendes war. Etwas, was viele getan hätten. Klar, es war nett, aber halt auch sehr alltäglich. Und trotzdem.

Bei Männern kommt noch hinzu, dass es ausreicht, wenn sie normal nett zu mir sind oder sogar noch ein wenig zugewandter. Dann kommt gleich Panik in mir auf. Einfach, weil irgendwas in mir denkt, diese Freundlichkeit hat ihren Preis. Und, weil dieses Irgendetwas in mir auch denkt, dass ich diesen Preis zahlen soll. Schließlich will ich doch, dass man(n) nett zu mir ist. Und dann kommt auch wieder dieses Gefühl der unerträglichen Dankbarkeit: Du siehst mich, Du interessierst Dich für mich, Du nimmst Dir Zeit für mich – das hab ich doch alles nicht verdient. Wie soll ich das je wieder gutmachen können?

Das Verrückte ist, ich habe Menschen und vor allem einen Menschen in meinem Leben, der es schon so lange ist. Dem ich vertrauen kann und von dem ich weiß, dass er es macht, einfach, weil er es fühlt und will und das ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Und trotzdem: Ich lerne nicht aus dieser Erfahrung und noch vielen weiteren Erfahrungen, die ich bislang machen konnte. Und so bleibt es dabei: Sind Leute mies zu mir, stresst es mich. Sind Leute nett zu mir, stresst es mich auch. Perfekte Voraussetzungen also für ein stabiles, soziales Netz…

9 Antworten auf „Sei bitte nicht zu nett

  1. Liebe Hanni,
    Dein Text spricht mir so aus der Seele. Es tut mir einerseits so leid, dass Du dieses Schema hast, weil ich weiß, wie sehr es einen auslaugt und wie sehr man dieser Spirale gerne entkommen möchte, andererseits bin ich gerade so froh, dass ich nicht allein damit bin und jemand das „zu Papier“ gebracht hat, womit ich ebenfalls schon so lange kämpfe und wofür mir bisher die richtigen Worte gefehlt haben.
    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Dein Energielevel bald wieder etwas steigt und danke Dir für diesen Blog.
    Alles Liebe,
    Missy

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  2. Liebe Missy, vielen Dank für Deine lieben Worte! Mir tut es wiederum Leid, dass Du dich da so gut wiederfinden kannst. Manchmal fühlt es sich so an, als würde man sich so das Leben selbst viel zu schwer machen, bei Dingen, über die viele Menschen nicht mal eine Sekunde nachdenken. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, aus diese Spirale rauszukommen. Ich drücke Dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen!
    Liebe Grüße, Hanni

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    1. Liebe Hanni,
      für mich ist dieser Zug leider abgefahren. Ich ziehe mich nach den letzten Rückschlägen immer mehr zurück. Zu viele Jahre mittlerweile, zu viele kaputte Freundschaften, zu sehr die Erkenntnnis, dass ich es niemals schaffen werde, Dinge annehmen zu können, ohne danach alle tollen Menschen abzusägen. Die Kraft in diesem Punkt ist nicht mehr da. Hinzu kommt wirklich das, was Du sagtest – die meisten Menschen denken über so etwas nicht einmal nach. Das verstärkt mein „Alien-Gefühl“ noch ungemein. Deswegen war Dein Text auch so unglaublich für mich.
      Aber wenn Du es schaffst (und all meine guten Wünsche sind da vollends bei Dir!!) und hier irgendwann davon berichtest, werde ich mich von Herzen mit Dir freuen, weil ich weiß, was Du dann für Dich erreicht hast und welch riesige Hürde Du genommen hast.
      Ganz liebe Grüße
      Missy

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      1. Das tut mir Leid und es tut weh, weil es so gemein ist, dass du so emfinden musst. ich würde gerne etwas Hilfreiches sagen, aber ich weiß, dass hier Worte einfach nichts leisten können. Ich verstehe Dich und ich verstehe auch, dass man irgendwann nicht auf den nächsten Zug aufspringen mag, weil einfach jeder Rückschlag bedeutet, dass man noch tiefer fällt. Ich bin froh, dass zum Beispiel diese Blogs die Möglichkeit bieten, dass wir „Aliens“ uns trotzdem austauschen können – wo es doch bei unserer Gattung sonst äußerst schwierig wäre. 🙂 So ist vielleicht ein wenig das komplett-allein-sein-Gefühl nicht ganz so stark. Mir hilft es sehr – auch die vielen, lieben Rückmeldungen. Ich hoffe, dass das bei Dir vielleicht auch etwas der Fall ist. Viele liebe Grüße an Dich!

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      2. Dein Blog „hilft“ mir sehr und Du musst keine Worte finden. 🙂
        Obwohl Deine Texte mich gleichzeitig auch sehr traurig machen, weil ich sehe, dass Du so viel leiden musst, weil das Leben irgendwie seine eigene Schiene fährt bzw. gefahren ist. Ich wünschte immer, dass nur ich „aus der Art“ geschlagen bin, aber dem ist leider nicht so. Andere leiden auch und es ist unfair.
        Das Schreiben hilft auch mir sehr und ist ein wirklich gutes Ventil. Das war es aber schon immer für mich. Lange noch bevor es überhaupt Internet oder gar Blogs gab. 😉
        Hier anzufangen war eine große Hürde für mich, aber ich bin doch froh, dass ich sie genommen habe. Auch wenn mein eigener Anspruch natürlich wieder irgendwo ist, wo ich ihn nicht sehen kann und ich es gerne besser, schöner, öfter, eben höher, schneller, weiter machen möchte. Sagt mein Kopf. Jedes Ventil hat eben auch gleichzeitig seine Schattenseiten. 😉
        Ich bin jedoch auch darüber froh, dass ich hier auf Menschen wie Dich aufmerksam werden kann, die mir aus der Seele schreiben. Und bei allem Schmerz, dass es noch jemandem nicht gut geht und manchmal Worte zu lesen, die ich selbst hätte schreiben können, tut es gleichzeitig auch gut zu merken, dass ich mit vielen Themen nicht allein bin.
        Ganz liebe Grüße
        Missy

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      3. „Und bei allem Schmerz, dass es noch jemandem nicht gut geht und manchmal Worte zu lesen, die ich selbst hätte schreiben können, tut es gleichzeitig auch gut zu merken, dass ich mit vielen Themen nicht allein bin.“ —> ja, genau das. ♡

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  3. Dein Text geht mir sehr nahe. – Ich kenne ja Deine Geschichte nicht, und es ist in keiner Weise seriös, aus Geschichten anderer menschen, die ich ein bisschen mehr kenne, irgendetwas in Deine Situation und Dein Empfinden hineinzuinterpretieren.

    Da ist diese Stelle, die Du geschrieben hast:

    „Bei Männern kommt noch hinzu, … irgendwas in mir denkt, diese Freundlichkeit hat ihren Preis. Und, weil dieses Irgendetwas in mir auch denkt, dass ich diesen Preis zahlen soll.“

    Dise Passage löst Wut in mir aus. – Nein, das hat nichts, gar nichts mit Dir zu tun. Vielmehr mit dem Verhalten so vieler „meiner“ Geschlechtsgenossen, für die ich mich immer wieder furchtbar fremdschäme. – Meist sind sie nämlich dier Ursache, das Frauen so empfinden, so hin- und hergerissen sind wie Du jetzt.

    Und es ist deshalb kein Wunder und nicht etwa etwas was Du als Deine „Schuld“ sehen sollst, dass es Dir deshalb so schwer fällt, Freundlichkeit von Männern anzunehmen. – IOch glaube, dadd da etwas in Dir ist, was Dich einfach nur beschützen will. – Und das geht mir nahe. Weil es schön, weil es wichtig und grundsätzlich auch richtig ist, Dir aber andererseits auch Möglichkeiten verbaut, einmal wirkliche, verlässliche, ja, Dich mit beschützende soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Bis hin zu Freundschaft, WIRKLICHER Freundschaft.

    Das geht freilich nur über Vertaruen. Und das ist gerade das, was für Dich am schwierigsten ist, aufzubauen – vorzuschießen, obwohl es immer nötig ist, damit etwas zurückkommen, erwidert werden kann.

    Ich habe leider keinen Rat. Ich hoffe, das Geduld von Nutzen ist. Und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Dich so und vielleicht doch mit dem einen oder anderen schon ein wenig vertrauten Menschen in Deinem Umfeld schrittweise aus dem Dilemma befreien kannst.

    Trotz allem, aber aus gegebenem Anlass mit der ausdrücklichen Versicherung wirklicher Aufrichtigkeit: Freundliche und liebe Grüße an Dich!

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    1. Wow, vielen lieben Dank für Deine Worte! Es tut gut zu lesen, dass – auch wenn meine Empfindungen und Gedanken oft irrational sind – andere sie doch irgendwie nachvollziehen können.

      Wie dieses Gefühl in mir entstanden ist, weiß ich, ehrlich gesagt, selbst gar nicht so richtig. Denn eine konkrete Situation als Auslöser habe ich hier nicht im Kopf. Ich weiß, dass bei mir vor allem die Frauen in meiner Familie dafür gesorgt haben, dass ich einem gewissen Bild entspreche: Immer ruhig, immer lieb, immer mit Kleid, immer verfügbar für Umarmungen, Berührungen, usw. (Nicht, dass sie das bewusst gemacht hätten, aber irgendwie – wo ich das gerade so schreibe, denke ich, es wirkt so, als hätten sie mich geradezu auf dem Silbertablett serviert)

      Vielen Dank auch für Deine Wünsche. In wenigen Fällen habe ich tatsächlich einen Vertrauensvorschuss (wenn auch sehr kleinschrittig) gezahlt und wurde bislang nicht enttäuscht. Ich habe also Hoffnung, dass es Schritt für Schritt anders wird. 🙂 Und die verständnisvollen und hilfreichen Reaktionen wie etwa auch Deine Nachrichten machen mir auch Mut. Vielen Dank dafür.

      Hab einen schönen Abend und sei lieb gegrüßt!

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