Damian

Gerade geht es in der Therapie ganz schön zur Sache. Wir nähern uns dem jüngsten Ereignis aus meiner Trümmergeschichte. Bisher habe ich nur den noch harmlosen Anfang und das Ende geschafft. Wobei „geschafft“ sehr relativ ist. Am Stück habe ich nicht erzählt und abgetaucht bin ich auch wieder. Und ehrlich gesagt, ich weiß jetzt schon nicht mehr, wo oben und unten ist und wie ich die Tage überstehen soll. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Vielmehr ist mir beim Schildern des Anfangs wieder ein Mensch in den Sinn gekommen. Und irgendwie bricht sich an ihm alles, was bei mir schiefgelaufen ist.

Damian war in meiner Klasse. Wir hatten zur Schulzeit eigentlich nicht so viel miteinander zu tun. Das änderte sich erst im letzten Schuljahr. Er war einfach gut. Wäre ich in der Lage gewesen, mich zu verlieben, hätte ich es bei ihm wohl sofort getan. Vielleicht (wahrscheinlich) idealisiere ich ihn im Nachhinein, aber denke ich an Situationen mit ihm zurück, sehe ich da immer einen selbstbewussten, ruhigen, klugen jungen Mann, mit feinen Gesichtszügen und noch feinerem Humor.

Einmal auf einer Oberstufenparty – ich habe es mal wieder geschafft, mich halb aus dem Leben zu schießen – bin ich im T-Shirt nach draußen getaumelt, um es mir auf einer Motorhaube bequem zu machen. Die Minusgrade, den Schnee und vermutlich den ein oder anderen Kommentar habe ich nicht wirklich mitbekommen. Irgendwann kam Damian mit seinen Freunden zur Party. Ich weiß nicht, ob er mich gesehen oder ob ihn jemand auf mich aufmerksam gemacht hat. Jedenfalls kam er zu mir, legte seine Jacke über und sich neben mich. Er rief ein Taxi und begleitete mich nach Hause. Klingt schnulzig, ist aber so. Vor ein paar Tagen habe ich etwas zum Thema „Dankbarkeit“ geschrieben – diese Aktion hat in mir eine Dankbarkeit ausgelöst, die bis heute anhält. Ich meine hey, er war nicht nur nett und hat sich gekümmert, er hat die Situation sogar in keiner Sekunde ausgenutzt. Und das bei mir – für mich? Aber nun gut, hierzu habe ich mich ja schon ausgelassen.

Ein Silvester haben wir auch miteinander verbracht. Nicht alleine natürlich. Um Mitternacht haben wir uns umarmt und geküsst. Recht zaghaft und irgendwie beiläufig, aber gleichzeitig war es so viel. Zu viel. Danach bin ich ihm erstmal wieder aus dem Weg gegangen. Bis wir uns dann im Sommer wieder näher gekommen sind. Und dann kam die Abschlussfeier.

Auf der Feier haben wir uns wie immer gut miteinander verstanden und schon Pläne für die nächsten Wochen geschmiedet. Zufällig haben wir uns nämlich für dieselbe Uni entschieden und unsere neuen WGs lagen dazu nicht weit auseinander. Dann kam das Ende – wir sind gemeinsam von der Abschlussfeier im Taxi zurückgefahren. Ich bin mit Damian ausgestiegen, denn die Wohnung, zu der ich musste, lag nicht weit von seinem Elternhaus entfernt und im Taxi saß eine weitere Person, mit der ich nicht alleine weiterfahren wollte. Damian bot mir an, mich nach Hause zu bringen. Ich lehnte ab – ich wollte nicht, dass er sich Hoffnung macht und ich dachte, sich nach Hause bringen zu lassen, weckt genau diese Hoffnung.

Ein paar Stunden später war dann alles anders. Oder vielleicht eher alles kaputt. In mir und um mich rum.

Ich finde es irgendwie bezeichnend, dass mein krampfhaftes Fliehen vor zu viel Nähe mich am Ende so bestraft wurde. Hätte er mich begleitet, wäre das, was passiert ist, sehr wahrscheinlich nicht passiert. Denke ich an Damian, denke ich daran, was alles hätte sein können, wenn ich nicht so verkorkst gewesen wäre. Und ich denke daran, was mein Verkorkstsein für Folgen hat. Und daran, dass es wirklich gute Menschen gibt und es so verdammt unfair ist, dass ich diese guten Menschen viel zu oft nicht in mein Leben lassen konnte.

10 Antworten auf „Damian

  1. So viel zwischen den Zeilen… 😥
    Aber es gibt eben auch diese Damians. Nicht viele. Aber es gibt sie. Und das solltest Du im Kopf behalten. Nicht das, was danach kam, was wäre wenn gewesen, sondern Damian. Nur Damian rausfiltern…

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      1. Liebe Hanni,
        leider weiß ich nicht, wie und ob man hier auch private Nachrichten schicken kann, deswegen habe ich nun ein wenig für die Antwort gebraucht. Es tut mir sehr leid, dass ich doch falsch zwischen den Zeilen gelesen habe und bin sehr unglücklich darüber. Deine Antwort war zwar sehr nett, aber ich möchte mich trotzdem entschuldigen.
        Ganz liebe Grüße,
        Missy

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  2. Oh, inwiefern hast Du denn falsch gelesen? Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie und ob ich hier auf dem Blog einstellen kann, dass man mir auch so Nachrichten schreibt? ich könnte sonst eine Emailadresse anbieten, wenn das für Dich besser passt? Aber entschuldigen musst Du dich ganz sicher nicht! Und ich fand Deine Nachricht sehr schön und du liegst ja auch nicht falsch. Also, keine Sorgen machen, ich freue mich jedes Mal, von Dir zu lesen und über jeden Kommentar. Und ein Richtig und Falsch gibt es hier sowieso nicht. 🙂 Ganz liebe Grüße, Hanni

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    1. Danke für Deine lieben Worte. ♡ Es war der Satz, dass Damian mit dem „was wäre wenn“ eng verwoben ist, der mir sagte, dass ich was Dummes geschrieben bzw. falsch interpretiert habe. Aber das ist halt leider auch oft die Gefahr beim Lesen.
      Du hast mich beruhigt, dass ich nichts Schlimmes ausgelöst habe.
      Ganz liebe Grüße
      Missy

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      1. Also Damian war schon wirklich gut – nur wie das bei allem Guten bei mir ist, kann ich mich nicht nur daran freuen, einfach weil bei mir so viel schief ist. Ich glaube, dass ich mich sonst auch einfach seltsam ausdrücke. 😀 Also bei Dir und Deinen Antworten und Kommentaren ist alles gut! ♡

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