Steter Tropfen…

Ich habe gestern einen Blogeintrag vom Kinderdok gelesen, der mich auch an viele Szenen aus meiner Kindheit/Jugend erinnert hat. Er berichtet hier von einer Mutter, die ihr Kind schroff kritisiert, weil das von ihm gezeichnete Drei- bzw. Viereck nicht ihre Erwartungen erfüllt. Zitat von der Mutter: „Was ein Schrott.“ Das macht mich traurig und ich frage mich, was mit den Leuten los ist und wie man seinen Frust so hart an anderen Menschen auslassen kann.

Photo by Sydney Sims on Unsplash

Gleichzeitig denke ich an viele persönliche Erlebnisse. Zugegeben, die sind netter als das, was sonst so durch meinen Kopf schwirrt. Sie ziehen mich aber trotzdem überraschend effektiv runter.

Da ist zum Beispiel ein Krisengespräch in der Schule. Ich bin 14 Jahre alt, vor einem halben Jahr sind wir umgezogen und ich habe gerade in der neuen Klasse Freunde gefunden – mich für meine Verhältnisse sogar echt schnell eingelebt. Notentechnisch hat sich das leider nicht widergespiegelt. (Wie auch, ich habe das vorherige Schuljahr nahezu komplett geschwänzt) In allen Hauptfächern stand ich also bei Note fünf bis sechs. In den Nebenfächern sah es auch nur vereinzelt besser aus.

Da saßen sie nun also. Vier Lehrer, eine Lehrerin, der Schulleiter, meine Eltern und ich. Alle wollten, dass ich wahlweise eine Klasse wiederhole oder direkt vom Gymnasium auf die Hauptschule wechsle. Ich wollte es weiter versuchen und nicht gleich wieder aus der gerade erst vertrauen Umgebung rausgerissen werden. Alle redeten auf mich ein und ich? Ich verschwand, zeigte einfach keine Reaktion mehr. Mein Vater lachte irgendwann nur und sagte den Lehrern, dass sie sich nicht wundern sollen, er wusste schon immer, dass ich für sowas wie Schule einfach nicht gemacht bin. Sie sollten gar nicht erst versuchen, mir etwas beizubringen oder zu erklären. Dann ist er gegangen.

Eine andere Szene. Ich weiß die Umstände nicht mehr genau, aber ich war mit meinen Mitschülern im Klassenraum, wir haben Seidentücher bemalt und die Eltern waren da. Es muss zur Grundschulzeit gewesen sein. (Meine Erinnerungen werden immer löchriger, je weiter entfernt sie sind. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht) Jedenfalls habe ich einen Topf Farbe umgestoßen. Ehe ich überhaupt kapieren konnte, was passiert ist, gab es einen „Klaps“ gegen den Hinterkopf.

Und die nächste Szene. Ich bin so um die 16 Jahre alt. Zwei Freundinnen sind bei mir. Für meinen Vater die perfekte Bühne. Er stolziert ins Zimmer, dreht eine Glühbirne ein, begleitet von dem Spruch: „Damit hier überhaupt mal jemandem ein Licht aufgeht“. Er scheint lange auf diesen Auftritt gewartet zu haben.

Und weiter geht’s: Ich, um die 15, komme mit einer Freundin ins Esszimmer, wo sich meine Eltern mit vielen Bekannten befinden. Wir haben uns leicht geschminkt. Mein Vater: „Was stellst Du denn dar? Eine Nutte oder einen Clown?“

Schön waren auch die ganzen Lernstunden. Besonders in Mathe war ich unglaublich schlecht. Bei mir hat schnell alles blockiert. Vor allem, wenn mein Vater nur noch mit zusammengebissenen Zähnen gesprochen und gedroht hat, dass ich die Aufgabe endlich lösen soll oder er sich vergisst. Nun ja, für mich war das nicht die passende Motivation. Er musste sich also oft vergessen.

Um mal etwas Abwechslung reinzubringen. Auch Lehrer konnten einem wirklich gut fiese Sprüche drücken. Ein Biolehrer nahm einmal ein Frauenkörpermodell in die Hand, sagte: „Stellt Euch alle mal vor, das ist die Hanni“ und führte ein Tampon ein. Ich war so geschockt, dass ich einfach eingefroren bin und auf seine Fragen nicht mehr reagiert habe. Erst nachdem er auf meinen Tisch geschlagen und mich nachgeäfft hat, bin ich aufgetaut. Aber auch nur, um rauszulaufen und mich auf dem Klo zu übergeben.

Eine Chemielehrerin hat mich jede Stunde nach vorn an die Tafel geholt, damit ich irgendwelche Formeln berechne. Ich habe es nie geschafft. Sie hat dann irgendwann laut nachgedacht, ob ich nicht irgendwie geistig behindert sei.

Ein Französischlehrer hat mir nicht geglaubt, dass ich eine Klassenarbeit selbst verfasst habe. (Habe ich aber – Ich hatte zwei Mal in der Woche Nachhilfe. Für sein Weltbild war das nicht Vereinbar). Ich sollte nach Vorne und er hat mich alles nochmal mündlich abgefragt. Weil ich vor lauter Stress nicht richtig reagieren konnte, hat er mir zwei Noten abgezogen und meinte, ich könnte froh sein, dass er mich nicht meldet und die Arbeit mit sechs bewertet.

Na ja, irgendwie lässt sich die Liste gefühlt ins Endlose fortschreiben. Was mir auffällt: Die Tatsache, dass bei all diesen Szenen so viele Umstehende involviert waren, tut mit am meisten weh. Na ja, vielleicht geht aber zumindest mit dem Aufschreiben der Ärger über diese Situationen etwas weg.

15 Antworten auf „Steter Tropfen…

  1. Liebe Hanni,
    ich kenne diese Sätze nur zu gut und beim Lesen dieses Textes könnte ich ihn unendlich fortführen. Worte können so viel anrichten. Das verstehen die Wenigsten. „Lass es doch an Dir abprallen.“ Wenn das so einfach wäre. Und vor allem GEWESEN wäre. Aber als Kind, Teenager, in der eigenen Findungsphase? Ein Ding der Unmöglichkeit. Ich bin mit dem Satz „Du kannst n7x, Du wirst nix und das ändert sich auch nie“ und den entsprechenden „Vorführungen“ groß geworden. Alle anderen waren Respektspersonen. Da hatte ich nichts zu melden.
    Das Zitat, welches Du auf meiner Seite auch so mochtest, passt genau dazu. Ich hätte wahrscheinlich ganz vieles gekonnt, wenn man mir nicht vorgegeben hätte, wie es sein muss.
    Bei aller Traurigkeit, wenn ich lese, was Du durchmachst und durchmachen musstest, bist Du trotz allem ein großer Lichtblick hier in dieser (für mich neuen) Blogger-Welt. Vielen Dank dafür.
    Pass auf Dich auf.
    Missy

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    1. Ja, es ist ätzend, weil es dein ganzes Verhalten im schlimmsten Fall für immer prägt. Und weil die Leute es tatsächlich manchmal gar nicht kapieren, was sie da eventuell anrichten. Danke für Deine lieben Worte! Liebe Grüße, Hanni

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  2. Das, was die Bio- und die Chemielehrerin da mit Dir abgezogen haben, ist so abgrundtief unterirdisch! Diese Lehrer hätten angezeigt gehört. Sie haben Dich öffentlich, beleidigt, bloßgestellt und diskriminiert.

    Ich habe selbst viel mit jungen Menschen ganz unterschiedlichen Charakters, ganz unterschiedlicher Leistungsfähigkeit, verschiedenen Intellekts, verschiedener Herkunft (in JEDERlei Hinsicht) zu tun gehabt. Ich wäre nie auch nur ansatzweise auf den Gedanken gekommen, jemanden so zu behandeln, selbst und gerade dann nicht, wenn ich selbst von dem einen oder anderen beschimpft, beleidigt oder verletzt worden bin. – Wenn Kinder oder Jugendliche so etwas tun, ist da IMMER etwas, was nicht (nur) in ihnen selbst begründet liegt, was solche Reaktionen hervorruft oder begünstigt.

    Es gibt so viel Kälte, so viel Herzlosigkeit, so viel soziale Inkompetenz bis in die Familien hinein …

    Hanni, ich lasse Dir von Herzen gern und ganz bewusst und wissend, dass Du es genauso verstehen wirst, wie ich es meine (Du warst ja gerade bei mir drüben 😉 ), LIEBE hier.

    Wann immer wir uns lesen, begegnen, austauschen kannst Du Dich ihrer gewiss sein – und zwischendurch auch. Sie ist meinerseits da, auch wenn ich „unsichtbar“ bin.

    In diesem Sinne, sehr liebe Grüße an Dich!

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    1. Vielen, vielen Dank für deine lieben und warmen Worte! ♡ Sie sind angekommen und tun sehr gut. (Und in diesem Sinne bist du dann gar nicht so unsichtbar. 🙂 )

      Übrigens: Meine Klasse hat wirklich nett reagiert. Bei dem Biolehrer hat dann sogar eine andere Mutter reagiert und es ging zum Direktor. Aber meine Eltern wollten das nicht weiter verfolgen. Also die solidarischen Menschen habe ich auch kennengelernt und hätte sie vielleicht fairerweise auch erwähnen soll.

      Viele liebe Grüße zurück!

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  3. Liebe Hanni. Deine Zeilen motivieren mich nochmals dazu, in ähnlichen Situationen, die ich in meiner Umgebung erlebe, für die Kinder einzutreten. Ähnlich wie es der kinderdok berichtet: die Kinder loben, Stärken herausstellen. Ich ärgere mich immer noch, dass ich bei einer ähnlich hässlichen Interaktion nicht für das Kind eingetreten bin. (Tochter durfte sich nach überstandenem Zahnarztbesuch ein Geschenk aussuchen, Mutter beschimpfte sie, ob sie sich nicht was besseres heraussuchen hätte können) – Das soll mir nun nicht noch mal passieren. Wenigstens sollen die Kinder erfahren, dass nicht sie schlecht sind, sondern ihre Eltern. Danke für Deine berührenden Worte! Steffi

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    1. Liebe Steffi, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich kenne so Situationen auch, wo man sich dann am Ende ärgert, nichts gesagt/gemacht zu haben. Aber es ist auch nicht immer so leicht und oft passieren sie auch so schnell, dass einem hinterher erst die „richtige“ Reaktion einfällt. Dein Vorhaben finde ich aber super und ich schließe mich da gleich einmal an. 🙂 Liebe Grüße, Hanni

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  4. Gefällt mir zu drücken, fällt mir bei diesem Beitrag seeehr schwer. Ich wollte aber nicht gehen, ohne wenigstens ein kleines Zeichen dazulassen, dass ich deinen Beitrag gelesen hab. Mir fehlen grade die passenden Worte, da ich diese Situationen nur zu gut selbst kenne….😑

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    1. Vielen lieben Dank für Deine Nachricht! Vielleicht sollte WordPress einen eignen Button einführen. So in die Richtung „gelesen“ oder „ich fühle mit“ – denn das Problem mit dem „Gefällt mir“-Button habe ich auch und ich glaube auch viele andere. 🙂 Ich freue mich aber über jede Reaktion und weiß auch, wie es gemeint ist. Es tut mir sehr Leid, dass Du auch solche Situationen kennst. Generell, dass so viele so etwas kennen. 😦 Es ist eigentlich so unnötig. :-/

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  5. es tut mir so leid…ist alles was ich im Moment dazu sagen kann…denn so viele Erinnerungen an meine Kindheit und der Lieblingsspruch meiner Mutter, der in mir immer noch ab und an hoch kommt…der mich heute noch prägt, da er nur in Verachtung gesprochen wurde, macht einfach nur Sprachlos—-aber ich weiß aus Erfahrung das diese Erlebnisse etwas verblassen …… und ich nun nach vielen Jahren begriffen habe, das nicht ich schlecht bin sondern sie selber unfähig war mit ihrem Leben klar zu kommen…das soll für solche Taten keine Entschuldigung sein, es war nur eine Hilfe für mich besser damit abzuschließen…ich wünsche Dir alles Liebe ❤

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    1. Vielen lieben Dank für Deine Nachricht! Bei mir verblassen diese Dinge zum Glück auch langsam aber stetig. Manchmal, wenn ich mich sehr nah daran erinnere, kommen dann aber doch wieder viele Gefühle hoch. Aber das wird zum Glück auch weniger. Das ist sehr gut, dass Du diese Perspektive heute hast und dass es dir geholfen hat, damit abzuschließen. (es tut mir leid, dass du das überhaupt musst(est)) Vielleicht kann ich das eines Tages auch von mir sagen. 🙂 Dir auch alles Liebe!

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