Die blaue Stunde

Ich sitze gerade draußen auf meinem Balkon. Der Wind raschelt sanft in den Blumen und Gräsern, die mich umgeben. Vor ein paar Wochen habe ich alles, was Topf ist, mit Samen für eine wilde Blumenwiese besät. Meine Hoffnung war nicht allzu groß, einfach weil mein Daumen nicht allzu grün ist. Aber, oh Wunder, erst wuchs das Gras wie wild und vor ein paar Tagen zeigten sich auf einen Schlag zahlreiche bunte Blüten. Klein, groß, wild, zart, lila, weiß, blau, rosa – ich bin jedes Mal begeistert und kann mich gar nicht satt an ihnen sehen.

Das leise rascheln, die lauwarme Sommerluft und auch das noch nicht ganz dunkle blau des Himmels erinnern mich an eine Nacht an der Nordsee. Gemeinsam mit meiner Mutter fuhr ich für ein Wochenende in dieses winzige Örtchen, das sicher mehr Heidschnucken als Menschen zählt. Wir mieteten eine Ferienwohnung. So richtig weiß ich leider nicht mehr, wie sie aussah. Was ich aber noch weiß: Mein Zimmer war klein, gerade einmal das Bett fand Platz und im Liegen konnte ich durch das Fenster den Himmel beobachten. Blickte man im Stehen hinaus, sah man das Meer.

Ich erinnere mich tatsächlich nur an eine konkrete Situation, wenn ich an diesen Kurztripp denke. Ich liege im Bett, nachdem ich mich vergewissert habe, dass das Meer noch da ist. Die Wellen draußen rauschen leise und monoton mit dem alten Radio neben meinem Bett um die Wette. Irgendwie vermisse ich dieses Rauschen heute beim Radiohören. Und plötzlich kommt dieses Lied. Es klingt so vertraut, dabei habe ich es noch nie gehört. Es klingt traurig, aber nicht schmerzhaft, sondern schön traurig. Es klingt nach anderen, alten Zeiten, auf die ich sicherlich verklärt blicke.

Wenn ich zurückschaue und mich dort liegen sehe, ist es wie ein kurzer Einblick in ein Paralleluniversum. In diesem Moment wusste ich, hier bin ich jetzt gerade sicher. Und ich war da – habe das Meer, das Radio gehört, das Bett unter mir gespürt und ich habe die Musik gefühlt. Das alles eingehüllt in schützender Dunkelheit.

Diese Momente, in denen ich mit allen Sinnen da bin und gleichzeitig weder Angst, Schmerz noch sonstige negative Empfindungen habe, sind so selten, dass dieser Moment so unglaublich besonders war. Wenn ich das Lied höre, kann ich ihn mir ein Stück weit zurückholen. Und ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin.

6 Antworten auf „Die blaue Stunde

  1. Was für ein berührender Text! (Und sehr illustrativ ge- und beschrieben!!!) Weißt Du, wie viele solcher schöner Momente ich Dir wünsche, liebe Hanni? (Du kannst sie nicht zählen … 😉 )

    Ich finde es übrigens unsagbar schön, dass Du Dir solche Momente „zurückzuholen“ vermagst. Ich kann das auch, und ich weiß wie wichtig das ist. Dass dieses besondere Lied Dir dabei Brücke ist, ist noch schöner. Ich habe es mir eben in Ruhe angehört. Aufgrund meines lausigen Englisch verstehe ich bei weitem nicht alles vom Text, aber allein die Melodie und die Interpretation, sind sehr eindrucksvoll.

    Ich wünsche Dir eine gute, friedliche Woche und, na, das weißt Du jetzt schon (siehe oben) 😉

    Viele ganz liebe Grüße an Dich!

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    1. Das ist lieb von Dir, danke! In meinem Rucksack ist auch eientlich noch viel Platz für derartige Momente. 🙂

      Und wie schön, dass Du das auch kannst – Dir ein wenig heile Welt ins Chaos zu holen. Ich muss hier noch etwas üben, aber hin und wieder gelingt es.

      Der Text war damals (und ist heute) tatsächlich zweitrangig. Auch wenn ich ihn sehr schön finde. Für mich war es damals wirklich die Stimmung, die das Lied transportiert. Ich denke, der Text selbst lässt auch viel Raum für Interpretation. Es geht, grob gesagt, um ein kleines Mädchen, das wegläuft (vor ihren Nannys), in die Natur zu ihren Freunden. Ich persönlich glaube, dass das Mädchen für die Natur selbst steht; für die Kraft, die Schönheit und Vergänglichkeit – aber das sind nur meine Gedanken dazu und in Gedichtinterpretation war ich zumindest zu Schulzeiten nie sonderlich gut. 🙂

      Hab einen ganz schönen Tag mit vielen, schönen Momenten!

      Viele liebe Grüße!

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