Ärzte…

Ich hätte es wissen können und sollen, dass es gerade keine gute Idee ist, einen Arzt aufzusuchen, wo es mir doch gerade einfach mies geht, es aber keine „richtigen“ körperlichen Ursachen gibt. Ärztinnen und Ärzte können mir nicht helfen. Kapiere ich seit vielen Jahren nicht.

Eigentlich wollte ich es mit der Arbeit durchziehen. Sind ja nur noch ein paar Tage. Aber heute habe ich gemerkt, dass es nicht geht. Dass ich es auch nicht kaschieren kann. Jetzt, ein paar Stunden nach dem Arztbesuch, denke ich, ich hätte lieber die Zähne zusammenbeißen und die Arbeit durchziehen sollen.

Normalerweise erzähle ich Ärzten immer nur von körperlichen Beschwerden, die auch ganz normal vom Stress kommen können. Rücken, Kopf, Bauch…Ich lasse mir Standard-Tipps geben, das hundertste Privatrezept für Ibuprofen und den Krankenschein für maximal zwei Tage ausstellen. Das ist auch alles voll okay. Was sollen die Ärzt*innen auch sonst mit den raren Infos von mir anfangen.

Jetzt geht es mir wieder seit Wochen mies. Der ganze Körper tut weh, ich verschwinde oft in Zwischenwelten, bekomme meinen Alltag nur mit Mühe und Abstrichen auf die Kette. Und ich hatte schon oft in den letzten Wochen den Impuls zum Arzt zu gehen. Mich krankschreiben zu lassen, um wenigstens den Stressfaktor Arbeit los zu sein und irgendwas in mir hofft auch immernoch auf medizinische Heilung – zumindest für die sehr realen Schmerzen. (Ich weiß, lächerlich)

Also ging ich heute zu einem Arzt. Ein neuer, denn es musste in der Nähe sein. Ich dachte, er wäre eine sie. Leider habe ich meinen Irrtum erst im Behandlungszimmer bemerkt. Ich sagte ihm gleich zu Beginn, dass ich eine Therapie mache und dass es mir gerade deshalb schlecht geht – geistig und körperlich. Und damit habe ich eine Lawine losgetreten.

Er wollte alles wissen. Was ich für eine Therapie ich mache, wie sich die Beschwerden äußern. Die Auflistung meiner psychosomatischen Beschwerden, meiner Schlaf- und Konzentrationsstörungen und meiner schlechten Stimmung reichten ihm nicht aus. Er wollte wissen, was genau bei mir passiert, was mich genau von der Arbeit abhält (Oton: „Denn Sie sind ja hier, damit ich sie jetzt einfach krankschreibe.“)

Ich – schon im puren Stress – erzählte ihm in der Hoffnung, dass er dann von der Fragerei ablässt, dass es sich um eine Traumatherapie handelt. Ich dachte: Das muss doch reichen, damit kann er doch einschätzen, was in etwa gerade bei mir los ist.

Aber nein, er musste wollte immer mehr wissen. Warum die Traumatherapie, was in meinem Kopf vorgeht, wann, was, wo und wie. Ich wiederholte immer wieder die selben Dinge, von denen er sagte, dass das alles Aussagen sind, die sicher mein Therapeut mir gesagt hat, dass er aber genau wissen muss, worum es sich bei mir handelt. Denn er müsste das auch vor den Krankenkassen rechtfertigen und die seien sehr kritisch bei der Prüfung.

Ich fühle mich gerade so mies. Weil in jedem Satz von ihm durchschimmerte, dass ich simuliere, mir alles ausdenke, um ein paar Tage „Urlaub“ zu haben, oder dass mein Therapeut mir das alles eingeredet hat und ich es nur annehme und wiedergebe. Und ich hasse mich dafür, dass ich mich so offenbart habe, dass er jetzt so viel von mir weiß. So viel Kleidung könnte ich mir nicht ausziehen, so entblößt, wie ich mich gerade fühle. Und ich hasse mich dafür, dass ich wie festgenagelt war. Nicht aus der Situation rausgegangen bin.

Und ich hasse meinen Körper, dass er nach Stunden immer noch zittert, ich mich ständig übergebe und mir einfach wieder alles weh tut. Wäre ich doch einfach arbeiten gegangen.

18 Antworten auf „Ärzte…

  1. Oh shit. Tut mir sehr sehr leid! Solche Ärzte braucht es sowas von gar nicht. Gute Besserung! Lieber nochmal zu einem Arzt gehen, wo du weißt, dass er oder sie nicht alles haarklein erklärt haben muss, sondern halt krankschreibt, wenn es sein muss? Alles Liebe.

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    1. Vielen Dank! ♥ Leider habe ich so einen Arzt noch nicht. Der andere Arzt, der weiter weg und schlechter erreichbar ist, gibt immer zahlreiche Tipps, was ich machen kann, um weniger Stress zu haben, tut sich aber mit dem Krankschreiben schwer. (Und ich schaffe es nicht mit dem „Einfordern“) Aber vielleicht starte ich irgendwann mal einen neuen Versuch. Zumindest weiß ich jetzt, dass die Bezeichnung „Psychosomatische Grundversorgung“ bei Ärzten so gar nichts bedeutet. Viele liebe Grüße!

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  2. Von mir, die letztens auch miese Arzterfahrungen gemacht hat, kommt jetzt Mitgefühl (wenigstens virtuell) und Solidarität. Ich wünsche Dir sehr, dass Du Dich erholen kannst und Dich nicht länger selbst fertig machst. Gute Besserung für Deinen Körper!

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  3. Ich würde nicht gleich von ausgehen, dass er dir nicht glaubte. Er wollte wahrscheinlich nur ein Stichwort für das, warum er dich krank schreibt. Und „Schlaflosigkeit“ reicht da vielleicht nicht auf Dauer oder ihm nicht.
    Für dich ist das natürlich furchtbar unangenehm und schlimm. Auch, wie du dich jetzt ihm gegenüber fühlst – so nackt.
    Ich hatte derartige Probleme mal in der Jugend mit meinem Psychiater/Neurologen. Der wollte mich wegen meiner Schlaflosigkeit nicht krank schreiben, weil er meinte „das könne man ja nicht beweisen“.
    Er wollte halt von mir hören, dass ich paranoid bin und Wahn habe, ein Grund warum ich ja auch bei ihm überhaupt in Behandlung war. Das war für ihn ein beweisbarer Grund mich krank zu schreiben.
    Ich fühlte mich damals auch so, dass er mir nicht glaubt meine sehr schlimmen Schlafstörungen. Wahrscheinlich ging es aber eben mehr darum, wie das vor der Krankenkasse aussieht.

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    1. Ja, ich bin sicher auch nicht gut darin, zu erklären, was bei mir los ist. Deshalb hatte ich dann auch von der Traumatherapie bzw. der Diagnose PTBS gesprochen und dass es sich körperlich auswirkt und halt auch mit Konzentrationsstörung, Schlafstörung etc. Und da wollte er noch konkreter wissen, welches Trauma, wann und was bei mir passiert, wenn ich nicht schlafen kann etc. Vielleicht war er auch einfach sehr gründlich oder es war seine Art, aber ich frage mich, ob er wirklich diese Details wissen musste. Und wieso ich dann nicht einfach sage, dass mir das zu viel ist und gehe und ihm stattdessen wie eine Marionette Rede und Antwort stehe. :/

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      1. Dass er nach Traumadetails fragt ist ziemlich unsensibel. Aber ein normaler Arzt tickt da wahrscheinlich anderer, als nen Thera oder Psychiater. Weil dem hilft ja auch nicht, wenn der Patient sagt, dass er Bauchweh hat, sondern er muss genau wissen, wo und wie und wie lang. Also die Details – das könnte erklären, warum er bei dir so nachhakte.

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  4. oh mist, kann Dir sehr nachfühlen, hab so doofe Arzttermine auch schon gehabt.
    Vielleicht hilfts Dir, dass das ganz typisch PTBS is, das funktionieren, das Rede und Antwort stehen obwohl man schon im totalen Hochstreß ist, weil NEIN sagen noch mehr Streß bedeuten würde und evtl. auch Gefahr.
    Das war jetzt blöd gelaufen, ich hab mir angewöhnt neue Ärzte kennenzulernen wenn es mir einigermaßen gut geht und es nur um nen kleinen Check geht, je nach 1.Eindrcuk erzähle ich von PTBS und was für mich dabei vom Doc wichtig ist und was geht/was nicht usw.
    Wünsche Dir Gutes! Und baldige Ruhe.
    Viele Grüße 😉

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    1. Das macht Sinn, was Du schreibst, also, dass das auch zur PTBS gehört. Irgendwie erschreckend, sich dabei zuzusehen und nichts daran ändern zu können. So wie Du das machst, klingt das total sinnvoll und ich frag mich gerade, wieso ich das nicht auch gleich so gemacht hab. Vielen Dank für Deinen Tipp! So werde ich es beim nächsten Mal angehen. Viele liebe Grüße!

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      1. Mach Dich doch nicht deswegen fertig (ja leicht gesagt ich weiß) auf die Idee Ärzte erstmal so kennenzulernen kam ich auch spät und noch später mir das zu erlauben. Weil natürlich dachte ich immer, es läge an mir, wenn ich völlig neben der Spur war, nach einem Termin!!! Ich war ja immer falsch.
        Chirurgen erzähl ich nix mehr von dem Thema, die sind zu abgespalten, damit sie ihren Job überhaupt machen können. Habe immer Mitgefühl erwartet, war aber die falsche Stelle 🙂
        Jetzt erlaube ich mir (wenn auch schwer) zu einem speziellen Angst-Zahnarzt zu gehen.
        Und lieber arbeiten und durchhalten, ist auch so ein Muster das nahe an Selbstverletzung ist. Augen zu und durch, das hat einen in der Traumasituation vielleicht geholfen, aber auf Dauer ist das nix.
        Liebe Grüße und nen schönen Tag Dir 😉

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      2. Ich nehm das gar nicht wirklich als selbst-fertigmachen wahr. 😀 vielmehr wundere ich mich über mich. Das mit dem Arbeiten stimmt und klappt eh nicht wirklich gut. Aber ich glaube, für den nächsten Anlauf muss ich noch etwas Kraft sammeln und da ist Arbeiten, wenn noch kein Urlaub ist, gerade alternativlos. :-/ Übrigens: Seltsame Chirurgen habe ich auch schon kennenlernen dürfen, spannend, dass du das so konkret sagst. Wie hast du den speziellen Angst-Zahnarzt gefunden? ich habe das Gefühl, dass viele in ihre Auflistung auch „Angstpatienten“ schreiben, aber im Grunde nicht wirklich in dem Bereich fähig sind. Liebe Grüße zurück und Dir auch einen schönen Resttag! 🙂

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  5. Oh das is ja shit, wenn die das so schreiben/sagen dann aber doch keine Ahnung haben 😦
    Ja ich hab im Netz geguckt und bin dann mal so hin mit harmlosem Thema (Beißschiene). Ich glaub so lange hat sich noch nie ein Zahnarzt mit mir unterhalten (also im Job, privat schon *g*). Und er bietet Lachgas an, hab ich noch nicht probiert, aber beruhigt mich, wenn mal was größeres ist, oder was kleineres und ich grad ne üble Zeit habe. Ich hab soviel „ausgehalten“ ich hab echt kein Bock und keine Kraft mehr. Muss man zwar selber zahlen, aber die Sedierung (beim Zahnchirurgen) bei einer kleinen OP war GOLD wert. Ich habs einfach alles verpennt und hatte einen ganzen Tag noch super Laune 😉 trotz nähen und riesen Wunde usw..
    Drück Dir die Daumen, dass Du nie groß nen Doc brauchst und wenn, das er einfühlsam UND kompetent ist!

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    1. oh, das klingt hart mit der Zahn-OP. Aber wie gut, dass die Sedierung so gut geholfen hat! Ich hatte auch mal so scheißegal-Zeug. (Dormikum?) Ich kann schon verstehen, dass das doch recht schnell süchtig machen kann. 😉 Danke fürs Daumendrücken – ich werde es mal wirklich so angehen, wie du. Vielleicht habe ich dann ja wirklich mehr Glück. 🙂

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  6. Liebe Hanni,

    beim Lesen des Satzes „Denn Sie sind ja hier, damit ich sie jetzt einfach krankschreibe.“ kam mir die Galle hoch. Und noch vieles mehr.
    Es tut mir so unendlich leid, dass Du an diesen Arzt gekommen bist, der,wie so viele andere, einfach ein Seelentrampler war und nicht ansatzweise dazu fähig zu merken, wo die Grenze ist.
    Solche Berichte machen mich wütend! Nein, solche Ärzte machen mich wütend!
    Ich hoffe, Du hast Deine Krankmeldung (die völlig ok war zu verlangen!!!) erhalten und diesen Arzt mittlerweile abgehakt.
    Ganz liebe Grüße,
    Missy

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    1. Entschuldige, dass ich jetzt erst antworte. Aber eine Kombination aus schlechtem Internet und akutem Energiemangel hat mich ein wenig abgehalten. Diese Arztgeschichten sind einfach so verdammt anstrengend. Entweder muss man sich einen zurecht lügen oder man macht sich, wie in diesem Fall noch verletzlicher. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte etwas, was auf einen Blick sichtbar wäre, wo andere dann sagen: Ja, absolut klar, dass du nicht arbeiten, aufstehen, existieren…etc. kannst. (Wobei ich jetzt kein Leid gegen das andere aufwiegen will und sichtbare Erkrankungen wiederum andere Probleme erzeugen). Hach ja, ich hoffe, du weißt, was ich meine. Eine Krankschreibung habe ich nicht bekommen. 🙂 Habe dann noch mit Ach und Krach die Tage gearbeitet und bin dann k.o. in den Urlaub gefallen. Aber abhaken konnte ich ihn erfolgreich. 🙂 Viele liebe Grüße an Dich!

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  7. Liebe Hanni, ich wollte dir nur schreiben, dass ich deinen Beitrag gelesen hab… es tut mir sehr leid für dich, was du mit diesem Arzt erleben musstest. Mir geht deine Geschichte sehr nah, da ich solche Situationen auch schon erlebt habe. Mehr kann ich deshalb grade nicht dazu schreiben. Fühl dich ganz fest gedrückt 🤗

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    1. Entschuldige die späte Rückmeldung, bei mir war mal wieder eine längere Funkstille angesagt. Es tut mir sehr leid, dass du auch solche Situationen erleben musstest. Irgendwie staune ich immer wieder, dass ich trotz diverser Erfahrungen immer noch denke, dass jemand, der Arzt wird, sowas wie Empathie haben muss. Aber na ja, ich glaube, dieses Mal habe ich gelernt. Ich wünsche Dir, dass Du in Zukunft um solche Erfahrungen drum herum kommst. Viele liebe Grüße!

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