Der PTBS-Filter

Es ist ja so eine Sache mit der eigenen Geschichte. Unser Erleben wird schon zum Zeitpunkt des Geschehens stark gefiltert – beim Erinnern kommen dann noch viele weitere Filter dazu, bis wir uns dann einzelne Teile herausnehmen und diese dann zu einem Gesamtbild zusammenbasteln. Geschichte ist irgendwie immer auch Interpretation.

Das merke ich gerade sehr stark, wenn ich an meine Unizeit zurückdenke. Lange ist die nicht her, daher ist die Scham über verschiedenste Situationen auch noch so groß. Denn auch wenn ich das Studieren wirklich geliebt habe, gab es viele Dinge, denen ich im Studium nicht gewachsen war. Angefangen bei Vieraugengesprächen mit Professoren, über ganze Sitzungsgestaltungen hin zur Teilnahme an meist männlich dominierten Arbeitskreisen. Und immer habe ich mich um Kopf und Kragen geschrieben und versucht, per Email meinen Verpflichtungen zu entkommen oder – was häufiger der Fall war – eine angemessene Ersatzleistung zu erkämpfen. Meistens hat das auch geklappt, manchmal aber auch nicht.

So musste ich, um mein Studium abschließen zu können, einen Rhetorik-Kurs besuchen. Ich und Rhetorik…na ja. Ich war froh, dass es auch Kurse ausschließlich für Frauen gab. Zu einen von ihnen ging ich also hin und es war, gelinde gesagt, anstrengend. Seltsame Theaterübungen, aufgezwungene Gespräche oder mit einem Gegenstand im Mund Gedichte rezitieren…nach dem ersten Tag war ich fix und fertig. Schlappmachen ging aber nicht, denn der Kurs dauerte zwei Tage. Jetzt aufgeben hätte bedeutet, dass die Hölle vom ersten Tag umsonst gewesen wäre.

Und so folgte am zweiten Tag mein persönlicher Super-GAU. Wir mussten einen Vortrag vor laufender Kamera halten, der dann anschließend von allen Teilnehmerinnen bewertet werden sollte. Als ich dann auf die Bühne gerufen wurde und in die Kamera blickte, hatte ich das, was ich jahrelang danach unter „Blackout“ eingeordnet habe. Ich fror ein und machte einfach gar nichts mehr. Die Kursleiterin holte mich, so erzählten es mir später die Kommilitoninnen, dann von der Bühne. Sie dachte, ich hätte einen plötzlichen Schwächeanfall – wobei ich glaube, dass meine Kursleiterin da noch eine andere Einschätzung hatte.

Nach der Mittagspause stand dann eigentlich die Begutachtung der Filme an und ich habe mit mir gerungen, nach dieser peinlichen Aktion überhaupt noch einmal zurück zu gehen. Aber auch da dachte ich: Ich hab es jetzt so weit durchgezogen und eine Kurswiederholung packe ich nicht, also Augen zu und durch. Die Erleichterung folgte auch prompt, als die Kursleiterin sich entschuldigte und sagte, dass etwas mit der Kamera gewesen sein müsste. Sie hätte nichts aufgenommen und so könnten wir nur ohne Filmmaterial über die Vorträge sprechen.

Damals konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich glaubte echt an den Zufall und war unfassbar erleichtert. Mit etwas Abstand vermute ich eher, dass sie mir einfach die erneute Peinlichkeit ersparen wollte. Für mich ist diese Erinnerung – wie auch viele andere aus meiner Unizeit – immer noch unfassbar unangenehm. Weil ich so unnormal war und weil ich die einfachsten Dinge nicht gepackt habe und mich wie die letzte Idiotin verhalten habe.

Aber – seit ein paar Monaten hat sich trotzdem etwas verändert. Denn jetzt gibt es für den Blick in meine Geschichte einen neuen Filter. Mit der Diagnose PTBS hat irgendwie auch Vieles, was ich damals unter meiner puren Unfähig- und Seltsamkeit verbucht habe, eine neue Erklärung bekommen. Etwa, dass die Kamera in einem gewissen Setting ein richtig fieser Trigger für mich sein kann. Und dass dieser ewige Krampf, Aufgaben und Treffen zu vermeiden, irgendwie nicht nur aus einer seltsamen Bequemlichkeit stattgefunden hat.

Ich schäme mich immer noch und ich finde vieles, was ich damals gemacht habe und wie ich mich gegeben habe immer noch unfassbar ätzend. Aber zwischendurch tut es trotzdem gut, eine Art Erklärung und damit auch eine Entschuldigung zu haben.

Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

6 Antworten auf „Der PTBS-Filter

    1. Liebe Sonja, ja, es ist tatsächlich in Teilen entlastend. Oft – wenn meine Gedanken um diese eher peinlichen Situationen kreisen – habe ich mittlerweile die Stimme meines Therapeuten im Kopf, der bei mir für Verständnis wirbt. Und es klappt auch. Gleichzeitig ist es auch verwirrend, weil ich mein jahrelanges Ausweich- und Reaktionsverhalten gar nicht hinterfragt hab. So war ich halt – und jetzt zeigt sich, dass Vieles davon vielleicht Teil einer Störung war. Im Grunde muss/kann ich meine ganze Vergangenheit nochmal neu denken. Also, ich bekomm da jetzt ein Puzzle vorgesetzt, von dem ich bis vor kurzem gar nicht so recht wusste, dass es eins ist. Und dann ist da auch irgendwie ein „Traurigsein“(?). Weil ich mich frage, wie alles – und wie ich- sein könnte, wenn ich eher eine Therapie gemacht hätte. Andererseits: Ich fühle mich jetzt schon manchmal nicht bereit…vielleicht war ich es früher auch einfach nicht. Ein müßiger Gedanke. Viele liebe Grüße!

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      1. Das glaub ich dir sofort…auch bei mir kommt langsam etwas Licht ins Dunkel, warum meine Therapie gescheitert ist und mir keine Verbesserung gebracht hat. Es ist sehr schmerzlich, aber auch ein bisschen entlastend, weil ich Zusammenhänge erkenne. Gleichzeitig frage ich mich auch, warum erst jetzt, warum habe ich es nicht früher erkannt und meine Therapie bei der ehemaligen Therapeutin früher beendet. Das fühlt sich grade ziemlich furchtbar an….LG

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      2. ja, ich kenne das Gefühl gut. Nicht, dass ich total gut darin wäre, meine schlechten Gefühle zu regulieren, aber manchmal denke trotzdem, auch wenn es vermutlich tausend richtig ätzende Umwege waren, ich brauchte jeden einzelnen, um jetzt überhaupt mit einer Form von Bearbeitung beginnen zu können. Aber klar, oft ist es auch für mich einfach furchtbar und ich verfluche die ganze vergebene Zeit. Aber, ich glaube Licht im Dunkel ist auf Dauer immer gut und es freut mich, dass Du das bei Deiner Therapie auch gerade so empfinden kannst. (Bei all dem, was ich lese und was ich selbst so erlebt habe, ist das ja fast schon ein Wunder, wenn man eine Therapeutin/einen Therapeuten gefunden hat, dem man so weit vertrauen kann, dass eine Traumatherapie überhaupt möglich ist) Ich drück Dir ganz fest die Daumen, dass auf Dauer das furchtbare Gefühl der Erleichterung und dem Verständnis weicht!

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