Mit einem Bein im Meer

TW Suizid: Eigentlich gebe ich in diesem Blog keine Trigger-Warnungen raus, weil ich denke, diejenigen, die hier lesen, wissen, worauf sie sich einlassen. Aber das Thema Suizid liegt vielleicht nicht so direkt auf der Hand. Daher: Wenn Ihr das Thema meiden wollt, dann lieber nicht weiterlesen.

Tja, da wurde es wieder still um mich. Allerdings offenbar nicht so still, wie es hätte werden können, und so melde ich mich vorerst mit einem neuen Eintrag zurück. Die letzten Wochen (oder Monate?) waren hart. Kennt Ihr diese Liste mit Critical-Life-Events? Ich habe da mal ein paar weitere Events abhaken und ergänzen können. Nicht, dass mein Leben nicht schon ein Critical Life-Event an sich wäre…Das Resultat: Ich habe an meiner Exitstrategie gearbeitet.

So ganz konkret. Nicht als suizid-abwendende Maßnahme (Gedanken an einen möglichen Suizid können ja auch beruhigen und so paradoxerweise eher vom Wunsch sich das Leben zu nehmen, wegführen). Nein, ich habe konkret überlegt und geplant. Medis gesammelt, zerkleinert, ein Ort auf der Karte ausgewählt mit den Kriterien Meer und gut erreichbar. Ich habe mich ins Auto gesetzt, bin hingefahren und nun ja. Saß da und habe nichts gemacht, außer dem Meer zugehört.

Meinen ursprünglichen (und wie ich finde guten) Plan (mal wieder) nicht umgesetzt. Warum kann ich gar nicht so richtig sagen. Klar, es gibt diese „Standard-Gründe“ (nicht abwertend gemeint), die eigentlich ausreichen sollten, so etwas nicht zu machen: Man verletzt nahstehende Menschen, hat Verantwortllichkeiten, irgendwer wird in der Regel immer mit reingezogen, denn irgendwer findet dich (obwohl ich diesem Problem mit dem Meer eigentlich aus dem Weg gehen wollte) und dann dieses vage „es könnte ja doch noch irendwie, irgendwann besser werden“ und „dieser Scheißdreck soll jetzt dein Leben gewesen sein?“

Alles gute Gründe, aber irgendwie glaube ich nicht, dass sie dazu geführt haben, dass ich meinen Tablettencocktail wegeschmissen habe und wieder nach Hause gefahren bin. Auch die Angst, dass, wenn ich sterbe oder meinetwegen nur stark versehrt aus der Geschichte rauskomme, die schlimmsten Erlebnisse in Dauerschleife laufen (in einem Podcast berichtete eine Frau über die Sterbephase ihres im 2. Weltkrieg traumatisierten Vaters, der wohl all das Schlimme, was er damals erlebt hat, erneut durchleben musste – daher meine Angst) war nicht der Grund, warum ich es nicht gemacht habe.

So wirklich fassen, warum ich es nicht einfach und endlich getan habe, kann ich es nicht. Aber es gibt da anscheinend einen Automatismus, der mich am Leben hält und sich weigert, mich freizugeben. Tja ja, der Automatismus und ich – wir kennen uns schon lange. Ich glaube, er musste schon ziemlich früh und recht häufig bei mir ans Werk. Gerade (oder schon immer?) ist es eine sehr einseitige Beziehung. Wegschicken lässt er sich aber leider nicht.

Und was habe ich jetzt davon? Ich bin hier und doch auch einen großen Teil der Zeit nicht. (Danke Dissoziation) Ich wünsche mir, dass ich mich gern selbst verletzen würde, weil das irgendwie immer Erleichterung versprochen hat, aber selbst das ist mir gerade egal? Ich überlege schon, ob ich es nicht einfach tun soll – so a là „der Appetit kommt mit dem Essen“ (sorry, geschmacklos, ich weiß). Gleichzeitig kommen immer wieder neue Erinnerungen und Empfindungen auf – die mich kurz erschrecken und erstarren lassen, um mich dann doch schnell wieder in die Resignation zu schicken. Ich meine, wie oft kann einem gezeigt werden, dass man irgendwie in diesem Leben nichts zu suchen hat? Und ist es dann nicht total lächerlich, trotzdem weiterzumachen?

Irgendwas sagt mir, ich soll diesen Beitrag positiv beenden. Nicht, weil ich es fühle, sondern vielmehr, weil mir irgendwas sagt, dass ich all das, was ich gerade geschrieben habe, eigentlich niemals mitteilen darf. Und da kommt mir dieser Spruch in den Sinn: „Kurz bevor die Sonne aufgeht, ist die Nacht am dunkelsten.“ In meinem Fall kann ich an einen Sonnenaufgang gerade nicht glauben, aber wer weiß. Noch gibt es zumindest die Chance.

6 Antworten auf „Mit einem Bein im Meer

  1. Wir sind jedenfalls sehr froh,das dein Automatismus angesprungen ist,auch wenn du das nicht so siehst (was ich auch kenne).
    Und ich persönlich finde, du darfst das hier so sagen, auch über dieses Thema darf und sollte geredet werden,denn blumige und falsche Worte gibt es doch genug.

    Wir wünschen dir das das schwärzeste schwarz dem Sonnenaufgang.bald Platz macht.

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  2. Auch ich freue mich für dich, dass der Anteil mit dem Lebenswillen in diesem Moment die Kontrolle übernommen hat. Schön, dass du da bist 🤗🤗 und so ehrlich über dieses Thema Suizid schreibst und hilfst es aus der Tabuzone zu holen.

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